Wissenschaftliches Arbeiten

Qualitative Sozialforschung in Zeiten von Covid19 – die Quadratur des Kreises

Online Interview, Frau am Laptop

In Zeiten der physischen Distanz und fehlenden face-to-face-Kontakte erscheint es fast paradox sich mit qualitativer Sozialforschung zu beschäftigen, die ja per se durch physische Kontakte und Begegnungen überhaupt erst ermöglicht wird bzw. zustande kommt. Immerhin geht es dabei darum, „Lebenswelten ‚von innen heraus‘ zu beschreiben“ und dadurch dazu beizutragen, soziale Wirklichkeit zu verstehen und zu erklären[1]. Typische qualitative Erhebungsmethoden sind z.B. Interviews, Fokusgruppen, Gruppendiskussionen oder Beobachtungen.

…oder die neue Selbstverständlichkeit?

So versiert, wie wir nun alle nach Monaten des Distance- und Online-Kommunizierens sind, begegne ich nun immer wieder Aussagen, wie „Dann eben einfach Online-Interviews!“ …Einfach online…? Fast selbstverständlich wird davon ausgegangen, dass sich qualitative Erhebungsmethoden 1:1 in den virtuellen Raum übertragen lassen. Aber ist das wirklich so einfach?

Digitale Erhebungsmethoden – Grenzen, Sorgen,…

Natürlich lassen sich Interviews unter bestimmten Voraussetzungen per Video, online[2] oder auch telefonisch durchführen, bei Fokusgruppen oder Beobachtungen stoßen wir aber an die Grenzen des virtuellen Raums. Natürliche, sprachliche und v.a. auch nonverbale Reaktionen werden z.B. durch eine strukturierte Vorgehensweise in Online-Gruppen-Situationen unterbunden, verfälscht oder sind für die/den Forscher_in nicht mehr zugänglich. Einander in die Augen zu schauen, als eines der zentralen Prinzipien der Aufrechterhaltung von Kommunikation und Herstellung von Rapport, ist online schlichtweg nicht möglich. Physische Beobachtungen von realen Situationen sind durch das Distanz-Gebot obsolet geworden. Situationsbedingt ist daher einerseits eine Verschiebung zu quantitativen Methoden zu beobachten (z.B. Einsatz von Fragebögen). Andererseits findet zunehmend eine nahezu selbstverständlich vorgenommene Vermischung bzw. sogar ein regelrechter Austausch von Offline- durch Online- /digitale Erhebungsmethoden statt, bei dem das eine unhinterfragt durch das andere ersetzt wird.

…Chancen

Das heißt aber nicht, dass Online-Erhebungsmethoden nicht auch ihre Berechtigung haben und oft gegenüber dem bisherigen Goldstandard face-to-face durchaus auch deren Vorteile überwiegen: Interviewpartner_innen sind mitunter leichter verfügbar, Anfahrtszeiten entfallen und auch die Aufnahme und Dokumentation ist durch die Technisierung einfacher geworden.

…und Konsequenzen

In erster Linie fehlt allerdings derzeit noch vielfach die Einsicht und das Zugeständnis, dass es sich bei der Anwendung von digitalen bzw. Online-Erhebungsmethoden schlichtweg um andere Erhebungsmethoden handelt, die auch eine dementsprechend andere Herangehensweise und Durchführung voraussetzen. Womöglich bringen diese auch andere Resultate hervor, wodurch die Beantwortung der ursprünglichen Forschungsfrage nicht mehr gewährleistet werden kann. Zudem kann es auch zu einer Änderung von Forschungsfragen, -fokus und Zielgruppen kommen. Insbesondere vulnerable Gruppen können mit digitalen Erhebungsmethoden nur schwer erreicht werden. Wesentlich ist, dass Forschung damit einer grundlegenden Änderung unterliegt, die es v.a. in Forschungsberichten und Qualifikationsarbeiten zu deklarieren und zu reflektieren gilt.  

…und am Ende kommt es immer darauf an…

Qualitative Sozialforschung ist zwar in ihrer Grundausrichtung flexibel und erfährt daher einen ständigen Wandel, unterliegt aber dennoch auch einer bestimmten Trägheit in ihren methodischen Strukturen. Bestrebungen zur Veränderung und Neuausrichtung sind jedoch bereits evident, so sind z.B. in der ethnographischen Forschung vielversprechende Ansätze zu finden, wie digitale Foto-Tagebücher[3] oder der Einsatz von tragbaren Kameras[4], um die Perspektive der Nutzer_innen einzufangen. Andere digitale Erhebungsmethoden sind z.B. Story-Completion-Methods[5], app-basierte Methoden[6] oder Email- bzw. Instant Messenger Interviews[7]. So interessant und innovativ das nun auch alles klingen mag, ist aber natürlich immer abzuwägen, ob diese Methoden für das jeweilige Forschungsvorhaben auch passend sind…


Literatur

[1] Flick, U., Kardorff, Steinke: Qualitative Forschung: Was ist qualitative Forschung? Einleitung und Überblick.

[2] Mirick, R. G., & Wladkowski, S. P. (2019). Skype in Qualitative Interviews: Participant and Researcher Perspectives. The Qualitative Report, 24(12), 3061-3072. https://nsuworks.nova.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=3632&context=tqr

[3] Volpe, C.R. (2019). Digital diaries: new uses of PhotoVoice in participatory research with young people, Children’s Geographies, 17:3, 361-370.

[4] Pink, S. (2015). Going forward through the world: thinking about first-person perspective digital ethnography between theoretical scholarship and applied practice. Integrative Psychological and Behavioral Science. 49(2): 239-252

[5] Clarke, V., Braun, V., Frith, H., & Moller, N. (2019). Editorial Introduction to the Special Issue: Using Story Completion Methods in Qualitative Research. Qualitative Research in Psychology, 16(1), 1–20. https://doi.org/10.1080/14780887.2018.1536378

[6] Kaye, L.K., Monk, R.L., & Hamlin, I. (2018). ‘Feeling appy?’ Using app-based methodology to explore contextual effects on real-time cognitions, affect and behaviours. In C. Costa & J. Condie (eds.), Doing research in and on the digital. Research methods across fields of inquiry (p. 11-30). Abingdon, UK and New York: Routledge.

[7] Braun, V., Clarke, V., & Gray, D. (Eds.). (2017). Collecting Qualitative Data: A Practical Guide to Textual, Media and Virtual Techniques. Cambridge: Cambridge University Press. 

Kaufmann, K., & Peil, C. (2019). The mobile instant messaging interview (MIMI): Using WhatsApp to enhance self-reporting and explore media usage in situ. Mobile Media & Communication, Online first, 1-18. https://doi.org/10.1177/2050157919852392

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1 thought on “Qualitative Sozialforschung in Zeiten von Covid19 – die Quadratur des Kreises

  1. Vielen Dank für diesen informativen Blog liebe Martina! DA hätte ich gerne mal eine kleine Videovortrag zu den neuen digitalen Erhebungsmethoden, die Du da anführst :-). lg Christa

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