Aus unseren Fachgebieten, Wirtschaftspsychologie

Ein Geburtstag ohne Geschenk ist auch keine Lösung.

Kennen Sie das:

„Meine Studienkollegin hat Geburtstag. Soll ich ihr etwas schenken? JA!“

Anlässe dieser Art durchziehen unser gesamtes Leben. Sie beginnen im Kindergarten oder bereits früher. Es sind Einladungen, die wir annehmen dürfen oder manchmal auch müssen. Ob wir uns nun darüber freuen oder nicht: Für viele ist oft der erste Gedanke „Was soll ich mitnehmen?“ Unser Alltag ist voll von Situationen dieser Art. Seien es Geburtstage, Jahrestage, Abschlussprüfungen, Hochzeiten oder einfach nur eine Essenseinladung. Mit leeren Händen zu kommen, ist den meisten unangenehm. Haben wir doch schon von Kindesbeinen an gelernt, dass sich das „nicht gehört“.

Es müssen allerdings nicht immer Einladungen oder Feste sein. Auch kleine Gefälligkeiten im Alltag oder etwa im Studienalltag, lösen in uns einen Drang zur Gegenleistung aus. Wir fühlen uns verpflichtet etwas zurückzugeben. Und das ist gut so, denn schon immer hat eine Hand die andere gewaschen. Was jetzt oberflächlich nach Freunderlwirtschaft klingt hat einen tieferen sozialen Sinn.

Es geht auch immateriell

Dieses Phänomen kann auch im Wissensaustausch an einer Hochschule Thema sein. Beispielsweise ist eine der Kommilitoninnen besonders versiert in einer komplexen Materie und hilft. Dadurch stehe ich nun in ihrer Schuld. Oder: Ein Lehrender bemüht und engagiert sich besonders, um den Wissenserwerb seiner Studierenden zu unterstützen. Das Gefühl, den Lehrenden nicht enttäuschen zu wollen und eine gute Arbeit abzugeben, motiviert die Studierenden – im Optimalfall – zu einer besseren Lernleistung. Wo ein Ausgleich möglich ist, wird dieser wahrgenommen.

Diese Wechselseitigkeit in der Verpflichtung hat Goulder mit der Norm der Reziprozität (1960) definiert.

„Wie du mir, so ich Dir“

… könnte man nun salopp formulieren und altbekannt ist diese Verhaltensnorm allemal. Ein Austausch funktioniert in materieller Form beispielsweise als Geschenk oder in immaterieller Form beispielsweise als Dienstleistung.

Quid pro Quo

So verhält es sich auch mit der Reziprozität im Lernalltag. Studierende können sich gut unterstützen. Manchen Personen geht eine Aufgabe leicht von der Hand, bei einer anderen fällt ihnen die Lösung schwer. Wir kennen den Lernalltag und dass es da immer jemanden gibt der mal besser und mal schlechter mit einer Aufgabe zurechtkommt und sich so die Unterstützung der Kolleg_innenschaft holt.

Langfristig profitieren alle

Gemäß Goulder (1960) können Personen im sozialen Austausch auch darauf vertrauen, dass die erbrachte Leistung auch langfristig zurückbezahlt wird. Und langfristig sollte diese Form des Gebens und Nehmens sich natürlich auch ausgleichen. Interessant dabei ist, dass sich diese Norm der Reziprozität kulturunabhängig etabliert hat.

Die Norm der Reziprozität legt somit auch den Grundstein für soziale Beziehungen und auch die Stabilität dieser. Bleibt zu hoffen, dass Sie Ihr Studierendennetzwerk und die Geburtstage immer schön im Auge behalten. Ebenso wie eine gewisse Ausgewogenheit im Geben und Nehmen.

Literaturverweis:

Gouldner, A. W. (1960). The norm of reciprocity: A preliminary statement. American Sociological Review, 25(2), 161–178.

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