Kategorie: Online Lehre

  • Und ob ich schon wanderte im gruseligen Tal, …

    Keine Angst, trotz der textlichen Anlehnung an ein bekanntes Bibelzitat (Psalm 23) ist nicht Religion das Thema dieses Beitrags. Auch wenn die persönliche Zustimmung oder Ablehnung von digitalen Sprachassistenten durchaus Züge eines Glaubensbekenntnisses annehmen kann.

    So long, Alexa?

    Erst vor kurzen häufte sich in sozialen Medien die Meldung, dass Amazons digitaler Sprachassistent Alexa und seine Smart Speaker dem Internetriesen Milliardenverluste bescheren. Mit ihrer Einführung 2014 (2016 im D-A-CH-Raum) drang der Konzern unmittelbar in die privaten Wohnräume ein. Manch böse Zungen meinen, um zu spionieren und Daten abzusaugen. Obwohl das nicht von der Hand zu weisen ist, geht es wohl eher darum das Online Shopping-Erlebnis durch Vernetzung und Sprachsteuerung zu revolutionieren und so weitere Rekordergebnisse zu sichern. Voice Commerce, das bequeme Einkaufen und Bezahlen per Sprachbefehle, ist ja ein Zukunftstrend und wachsender Markt, wenngleich aktuell nur auf niedrigem Niveau. Ökonomisch absolut nachvollziehbar, reagiert Amazon nun mit einem wirtschaftlichen Kahlschlag. Und auch wenn die Abgesänge auf das Produkt Alexa verfrüht erscheinen, ist die Zukunft und insbesondere Weiterentwicklung dieser Sparte mehr als ungewiss.

    Unheimliche Technik

    Warum aber verbleibt das Geschäftsmodell Voice Commerce so hinter seinen Erwartungen zurück? Warum werden digitale Sprachassistenten trotz ihrer Möglichkeiten vor allem eher für triviale Aktivitäten wie beispielsweise das Abspielen von Musik, das Abrufen von Wetterinformationen oder das Stellen eines Weckers verwendet? Eine Erklärung dafür liefert das Uncanny Valley. Das Phänomen des Gruselgrabens oder unheimlichen Tals wurde bereits 1970 vom japanischen Robotiker Masahiro Mori[1] beschrieben. Er wollte wissen, wie Menschen auf künstliche, aber menschenähnliche Lebensformen reagieren und entdeckte dabei ein paradoxes, U-förmiges Muster. Grundsätzlich empfinden wir es als sympathisch, wenn künstlich erschaffene Dinge unserem Aussehen ähneln. Denken sie beispielsweise an das Kindchenschema bei der Darstellung sprechender Tiere in Zeichentrickfilmen. Je mehr künstlich erstellte Lebensformen aber dem menschlichen Abbild ähneln, desto stärker kommt es ihnen gegenüber paradoxerweise zu einem Vertrauensverlust. Gerade weil wir Technik trotz aller Ähnlichkeiten als artifiziell entlarven (z.B. durch fehlende Mimik oder Emotionen), wirken sie befremdlich, gar unheimlich auf uns. Da sich der Mensch früher oder später aber an alles gewöhnt, führt eine weitere Zunahme an Ähnlichkeit auch wieder aus dem Uncanny Valley heraus. Die wahrnehmbaren Unterschiede werden weniger, das Vertrauen wieder hergestellt.

    Das Phänomen des Uncanny Valley bei verschiedenen Ausprägungen an Menschenähnlichkeit [2]

    Betroffen davon ist alles, was dem Menschsein in irgendeiner Form ähnelt. Eben auch Amazons Alexa, die durch ihre sprachlichen Fähigkeiten vorgibt, eine eigenständige Persönlichkeit zu sein. Über Voice Commerce seine Einkäufe zu tätigen, erfordert Vertrauen. Sensible Daten werden außer Haus gegeben, die Transparenz ist durch eine fehlende visuelle Darstellung nicht vergleichbar mit der des herkömmlichen Online-Shoppings. Die Zurückhaltung der Konsument_innen ist verständlich, die stetige Entwicklung der künstlichen Intelligenz wird aber sicher auch diesen Bereich weiter voranbringen.

    Achtung Gruselgraben!

    Doch nicht nur für Alexa ist das Uncanny Valley von Bedeutung. Auch in der Fernlehre kann sich eine Akzeptanzlücke öffnen, wenn Avatare, Chatbots oder Videos mit computeranimierten Darsteller_innen zwar als menschlich, aber gleichzeitig als zu künstlich wahrgenommen werden. Ich selbst kann mich an eine Lehrveranstaltung erinnern, in der mehrere, kurze, selbst erstellte Lehrvideos mit einer computergenerierten Stimme hinterlegt wurden. Die Überlegung dahinter war, dass Artikulation und Aussprache so klarer und verständlicher sind. Das studentische Feedback dazu war überraschend: es sei anstrengend der menschenähnlichen, aber eindeutig als computergeneriert identifizierten Stimme zu folgen. Ich habe die Studierenden ungewollt aber geradewegs in den Gruselgraben geschickt. Aus dieser Erfahrung habe ich gelernt, meine selbst erstellten Lehrvideos wieder selbst zu vertonen. Ich bin zwar persönlich mit dem Ergebnis nicht immer zufrieden, als 100 % menschlich wird sie aber jedenfalls erkannt und akzeptiert. Für Alexa habe ich leider keine so einfache und rasche Lösung parat, um den Weg aus dem Gruselgraben heraus zu finden.


    [1] https://en.wikipedia.org/wiki/Masahiro_Mori_(roboticist)

    [2] Tobias K. (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mori_Uncanny_Valley_de.svg), „Mori Uncanny Valley de“, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode

  • Analog/Digital – das Beste aus zwei Welten

    Analog/Digital – das Beste aus zwei Welten

    „Digitalisierung in Lehre und Studium bedeutet weit mehr als Vorlesungen zu streamen, Seminare im Netz abzuhalten oder Lehrveranstaltungsunterlagen herunterladen zu können…“

    Mit diesen Worten leitet das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung den Menüpunkt Digitalisierung von Studium und Lehre ein.

    Die Coronapandemie hat der Digitalisierung einen enormen Schub verliehen und mancherorts kann man lesen:

    „Wenn man sich nicht selbst neu erfindet, wird man verdrängt.“

    An der FernFH sind digitale Elemente im hybriden Lernsetting seit Bestehen der Bildungseinrichtung ein fester Bestandteil in unseren Lehr- und Lernsettings. Wir haben Follower bekommen. Viele Fachhochschulen und Universitäten mussten von heute auf morgen ihren Betrieb auf Onlinelehre umstellen, um einen möglichst friktionsfreien Unterricht zu gewährleisten. Nicht immer zur Freude aller Beteiligten. Neues schafft Unsicherheit und Arbeit, Routinen müssen aufgegeben werden, es dauert, bis man sich in einer neuen Umgebung eingewöhnt hat. Und: es geschah nicht ganz freiwillig, das schafft schnell mal Reaktanz. Doch die eingeschränkte Freiheit durch die Pandemie wurde an den Fachhochschulen und Universitäten durch eine neue ersetzt: Anfahrtswege und Wartezeiten fielen weg, die Annehmlichkeiten des Home- oder Mobile Working-Settings wurden gern akzeptiert. Unsere Studierenden kennen diese Form des Lehr-und Lernsettings schon von Studienbeginn an.

    Digitale Elemente in der Lehre überwinden Distanz, schaffen (oft) eine 24/7 Zugriffsmöglichkeit auf Unterlagen und Lerninhalte und ermöglichen Kollaboration ungeachtet des Wohn- und Arbeitsorts und weitgehende Flexibilität in der Selbstorganisation. Im Studium ist es Wissenserwerb auf einer Ebene, die im Arbeitsleben in vielen Branchen längst Einzug gehalten hat.

    Nicht mehr als ein Werkzeug

    Ich möchte der Digitalisierung nicht absprechen, einen enormen Anteil in unserer Arbeits- und Lebenswelt zu haben. Vieles ändert sich schneller als wir selbst. Innovationen, Adaptionen, Neuerungen, Verbesserungen sind uns immer ein Stück voraus. Das Leben ist dadurch einfacher geworden, auch wenn es im ersten Moment komplex erscheint. Dennoch meine ich, Digitalisierung ist ein „Werkzeug“ aber keine Philosophie, es ist plakativ gesprochen vielmehr ein „Transportmittel“ für Austausch, Ideenfindung, Erneuerung, Transfer und vor allem Organisation in seiner Vielschichtigkeit. Dabei ist es für alle Akteur:innen notwendig, sich digitale Kompetenzen anzueignen und entsprechendes didaktisches Know-how und Medienkompetenz aufzubauen um sich gut im digitalen Setting bewegen zu können.

    Und darüber hinaus ist es unerlässlich, OFF-Line Settings beizubehalten, so wie in unserem Blended Learning Format an der FernFH umgesetzt, um Social Distancing, wie wir es aus Pandemiezeiten zur Genüge kennen, zu vermeiden. Denn genau die vergangenen Jahre haben uns gezeigt, was wir unabhängig von den digitalen Möglichkeiten ebenso brauchen, um ein freudvolles und sinnerfülltes Arbeits-, Studien-, und Privatleben zu führen: soziale Nähe.

  • Zeitliche und örtliche Flexibilität in der Fernlehre fördern

    Zeitliche und örtliche Flexibilität in der Fernlehre fördern

    Immer wieder frage ich Studierende in Lehrveranstaltungen, was sie unter flexiblem Lernen verstehen, da kommen die unterschiedlichsten Antworten. Für einige Studierende bedeutet das, dass sie örtlich flexibel sein können, d.h. ein Lernen vom Schreibtisch, Zug, Garten oder Strand aus. Für andere ist dabei eine zeitliche Flexibilität von großer Wichtigkeit, also Studierende können lernen, wann es für sie möglich und sinnvoll ist, gleich ob in der Früh, nachmittags, abends oder auch nachts. Das kann von verschiedenen Faktoren abhängig sein, beispielsweise welcher Arbeit Studierende nachgehen, welche Betreuungspflichten sie haben, welche Freizeitaktivitäten ausgeübt werden oder auch was für ein Lerntyp die Person ist. Die zeitliche und örtliche Flexibilität sind die meist genannten Vorteile die Studierende an einem berufsbegleitenden Fernstudium, das mit einer hohen Flexibilität arbeitet, schätzen.

    Jedoch gibt es auch Nachteile beim flexiblen Lernen?

    Ich nenne es nicht Nachteile, aber Herausforderungen. Wenn Studierende Flexibilität beim Lernen bzw. im Lernprozess haben, dann bedeutet das viel Freiheit. Das bringt wie oben genannt viel Positives mit sich, das kann aber auch dazu führen, dass das Lernen leicht auch einmal aufgeschoben wird, oder dass der Anschluss an Lehrveranstaltungen verloren geht. Flexibles Lernen verlangt Studierenden viel Selbständigkeit, Selbstdisziplin und auch Struktur ab, um dran zu bleiben.

    Lehr- und Lernmaterialien gestalten

    Worauf kann oder soll ich als Lehrende achten, wenn ich Lehr- und Lernmaterialien für Studierende erstelle, denen ich zeitlich und örtlich flexibles Lernen ermöglichen möchte?

    Wie schon in einem früheren Blogbeitrag zum flexiblen Lernen beschrieben, verfolgt die FernFH einen Blended-Learning Ansatz. Idealerweise verbindet eine Lehrveranstaltung, die mit diesem Ansatz arbeitet, strukturgebende Elemente mit Möglichkeiten flexibel lernen zu können. Zu Beginn der Lehrveranstaltung wird den Studierenden klar kommuniziert, wie der Ablauf der Lehrveranstaltung organisiert ist, was bis wann zu erledigen ist, sowie was die Lernziele sind und welche Kompetenzen mit der Lehrveranstaltung erworben werden sollen.  Dabei hilft es den Studierenden eine Zeitplanempfehlung mitzugeben, die ihnen die zu lernenden Pakete in „kleine Häppchen“ packt und so leichter „verdaubar“ werden als ein großer, vielleicht unüberschaubarer Brocken.

    Praktisches zum Anwenden

    Um das Gelernte zu festigen empfiehlt es sich Theorie mit Praxis zu verbinden und neben Vorlesungen, Texten, Literatur, Studienheften auch immer gleich etwas Praktisches zum Anwenden, Diskutieren und Überprüfen anzubieten, das geht sowohl online als auch vor Ort. Dies kann durch Aufgabenstellungen, Gruppenarbeiten/-diskussionen, Online WissensChecks oder auch durch viele andere Tools realisiert werden.

    Um flexibles Lernen in der Lehrveranstaltung zu unterstützen, ist es wesentlich, dass den Studierenden von Beginn an alle Inhalte und Aufgaben zugänglich sind, damit frei gearbeitet werden kann.

    Des Weiteren ist es besonders wichtig, dass die Lehrveranstaltung im Lernmanagementsystem (z.B. Moodle) mit verschiedenen Endgeräten jederzeit genutzt werden kann. Last but not least ist eine gute zeitnahe Betreuung der Studierenden durch die Lehrenden ein wesentliches Schlüsselelement beim flexiblen Lernen. Dazu zählt, möglichst zeitnahe Rückmeldungen auf Fragen sowie Bewertungen und Feedbacks zu Aufgaben zu erhalten oder auch dazu zu motivieren, Themen oder Fragen mit anderen Studierenden online zu diskutieren.

    Mein Fazit

    Ein ansprechender, abwechslungsreicher, strukturgebender und gut begleiteter Onlinekurs motiviert Studierende abseits von Präsenzeinheiten dran zu bleiben und die Lehrveranstaltung erfolgreich abzuschließen, ohne zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort sein zu müssen und macht mir als Lehrende, die diesen Lernprozess begleitet, einfach Spaß!

  • Diversität ist uns wichtig: Gender und Diversity Online-Workshop

    Diversität ist uns wichtig: Gender und Diversity Online-Workshop

    Der FernFH ist Diversität wichtig. Dies ist fest in unseren Werten und der Satzung verankert. Daher sind auch alle Mitarbeiter_innen angehalten, einen Online-Workshop zum Erwerb von Gender- und Diversitätskompetenzen zu besuchen. Nicht nur für unsere Mitarbeiter_innen gibt es dieses Angebot, auch für unsere Studierenden und Absolvent_innen haben wir einen Online-Workshop zur Steigerung der Gender- und Diversitätskompetenz entwickelt. Dies soll uns allen helfen, ein offenes und diversitätsgerechtes Klima an den FernFH zu etablieren.

    Was passiert im Online-Workshop?

    Natürlich findet dieser Workshop – wie an der FernFH üblich – online statt. Es gibt ein Online-Kick-off-Meeting und danach können die Teilnehmer_innen völlig orts- und zeitunabhängig teilnehmen. Das hat den Vorteil, dass alle in ihrem eigenen Tempo lernen und Aufgaben abgeben können. Ganz wie unsere Studierenden in den Studien- und Lehrgängen.

    Im Online-Workshop werden grundlegende Kenntnisse zu Gender und Diversität vermittelt. Im Prinzip geht es darum, dass mehr Wissen im Bereich Gender und Diversität auch das Verständnis und die Bedürfnisse der unterschiedlichen Gruppen fördert. Daher werden zu Beginn Begriffe zum Thema erklärt, wie zum Beispiel was „gender“ im Gegensatz zu „sex“ bedeutet oder was unter Intergeschlechtlichkeit verstanden wird. Dann werden Zahlen und Fakten zu den verschiedenen Diversitätsdimensionen berichtet und diskutiert. Auch rechtliche Grundlagen in Bezug auf Diversität werden erläutert, aber auch wünschenswerte rechtliche Änderungen wie das „Levelling-up“ haben ihren Platz. Im Anschluss werden historische und aktuelle Aspekte vorgestellt und theoretische Konzepte bleiben nicht nur in der Theorie, sondern werden in die Praxis überführt. Abschließend wird die Anwendung der erlernten Gender- und Diversitätskompetenz im Arbeitsalltag diskutiert und trainiert.

    Während der 6-wöchigen Laufzeit wird jede Woche ein Modul bearbeitet. Jedem Modul liegt ein Kapitel des Studienhefts zu Grunde. Das Wissen wird außerdem über vielfältige Methoden im Online Campus (z.B. Diskussion, Reflexionen, Rechercheaufgaben, Videos, Selbsttests, usw.) vermittelt. So reflektieren die Teilnehmer_innen zum Beispiel über ihre eigene Diversität und was diese für sie bedeutet. Je nachdem wie viele Aufgaben und Übungen erbracht werden, erhalten die Teilnehmer_innen eine Teilnahmebestätigung oder ein Zertifikat. Für den Erhalt eines Zertifikats liegt der Arbeitsaufwand bei 22 Stunden.

    Manchmal sind Diskussionen zu Gender und Diversität sehr emotional und wertgeladen. Hier heißt es in der Moderation mit Fingerspitzengefühl vorzugehen. Daher wird der Online-Workshop von unserer Lehrenden Roswitha Hofmann, die auch eine erfahrene Trainerin in Sachen Gender und Diversität ist, geleitet. Ich unterstütze sie bei der Moderation.

    Welche Erfahrungen wurden mit dem Online-Workshop schon gemacht?

    Durch den Online-Workshop erwerben die Mitarbeiter_innen der FernFH Gender- und Diversitätskompetenz. Und ein positiver Nebeneffekt ist, dass sie auf diese Weise Fernlehre am eigenen Leib erfahren. Sie übernehmen also einmal die Perspektive unserer Studierenden und erhalten einen Einblick, wie es Fernstudierenden so geht. Nicht selten wird von den Neo-Fernstudierenden um die Verlängerung einer Deadline oder um eine weitere Abgabemöglichkeit gebeten. 😊 Der Online-Workshop fördert also auch das Verständnis unserer Mitarbeiter_innen für die Situation unserer Studierenden.

    Was sagen die Teilnehmer_innen?

    Die zeitlichen Ressourcen waren für mich ein großes Thema. Neben der Arbeit noch Zeit zu finden und in das Thema einzutauchen war für mich sehr schwierig. Meine Bewunderung für unsere Studierenden steigt noch mehr.

    Die Übungen waren sehr praxisorientiert und lehrreich. Man konnte auch sehr viel über sich selbst erfahren und seine eigenen Einstellungen reflektieren.

    Wann finden die nächsten Online-Workshops statt?

    Bisher wurde der Online-Workshop insgesamt fünf Mal für unsere Mitarbeiter_innen durchgeführt, wobei bei den letzten Durchgängen auch Mitarbeiter_innen anderer österreichischer FHs teilnehmen durften. Letzten Herbst ist der erste Online-Workshop für unsere Studierenden und Absolvent_innen veranstaltet worden. Auch diesen Herbst gibt es für unsere Studierenden und Absolvent_innen wieder die Möglichkeit, ihre Gender- und Diversitätskompetenz in einem Workshop zu erweitern. Für unsere Mitarbeiter_innen findet im Frühjahr 2021 der nächste Online-Workshop zur Steigerung der Gender- und Diversitätskompetenz statt. Als Gender- und Diversitätsbeauftragte der FernFH würde ich mich natürlich sehr freuen, auch heuer wieder viele Teilnehmer_innen bei den Online-Workshops begrüßen zu dürfen.

    Weiterführende Links

    Blogbeitrag: Queer an der FernFH – Wen geht das etwas an?

  • Schafft Distance Learning mehr Chancengleichheit?

    Schafft Distance Learning mehr Chancengleichheit?

    Martha B. sitzt vor ihrem Computer irgendwo in den Tiroler Bergen und absolviert eine Online-Prüfung. Die Kinder hat sie ins Nebenzimmer verbannt. Herbert R. sitzt in seinem Rollstuhl im Büro eines Rundfunksenders. Er hat gerade Mittagspause und liest seine Seminararbeit nochmal durch. Elisabeth K. sitzt im Zug und lässt sich mit einem Audio App ihre Studienhefte vorlesen. Sie ist auf dem Weg zur Beratungsstelle des Sehbehindertenverbands um sich Tipps für ihr neues Bildschirmlesegerät zu holen.   

    Das sind nur wenige Beispiele für Lebenssituationen, in denen ein traditionelles Studium nicht in Frage kommt.

    Viele potenzielle Studierende: 

    • leben nicht in der Nähe von Hochschulzentren und können neben dem Beruf auch nicht dreimal abends und am Wochenende zu ihrer FH fahren.
    • sind chronisch krank oder leben mit einer Behinderung oder sprechen nicht perfekt Deutsch.
    • bevorzugen sich selbstgesteuert und zeitlich unabhängig ihren Studien zu widmen.
    • müssen arbeiten und haben zudem Betreuungspflichten für Kinder oder andere Personen.

    JA! Ein Fernstudium kann tatsächlich Bildungsbarrieren abreißen

    Flexibilität und die Öffnung der Hochschulen für nicht-traditionelle Studierende sind spätestens jetzt nicht mehr nur Schlagworte oder das Thema für innovative Bildungsprojekte (Beispiel Deutschland: „Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen“). Auch die österreichischen Hochschulen haben seit Beginn der COVID-19-Zeit vielfach gezeigt: Es ist gut möglich, Studieren über das Internet zu ermöglichen und es gelingt unter anderem, Mobilitätseinschränkungen zu überwinden. Aber kann die Abwicklung des Studiums im Internet, die Angebote von Distance-Learning und „Home-Studying“ auch tatsächlich bei der Beseitigung gesellschaftlicher Ungleichheit helfen, wenn wir genauer hinsehen?

    NEIN! Flexibilität und Öffnung sind notwendig, aber lange noch nicht ausreichend

    Im Rahmen der COVID-19-Aktivitäten wurde rasch klar, dass viele soziale Probleme und strukturelle Benachteiligungen sogar verstärkt werden können. So zeigte sich, dass Home-Studying und Home-Schooling die bestehende Benachteiligung von Frauen sogar verfestigt und zu Überlastung führt, weil „nebenbei“ noch Hausarbeit und Kinderbetreuung zu schaffen sind (vgl. Studie der WU Wien). Auch werden Leute benachteiligt, die nicht genug Geld in modernste Ausrüstung und eine fette Breitbandversorgung investieren können (ein noch größeres Thema in vielen Ländern außerhalb Europas) und es gibt viel Nachholbedarf bei den digitalen Kompetenzen: Viele, und es sind keinesfalls nur „die älteren Personen“, brauchen Unterstützung, um mit den Medien im Distance-Learning überhaupt zurecht zu kommen.

    Was sind Pflastersteine auf dem Weg zur Chancengleichheit?

    • Der Fokus liegt auf der Vielfalt konkreter Bedürfnislagen von Studierwilligen (mehr dazu im Blogbeitrag von Ingrid Wahl) bei der Gestaltung neuer Studienangebote und der Online-Lehre
    • Es werden mehr asynchrone und weniger synchrone Lehreinheiten angeboten – also weniger “same time & same place”-Lehre
    • Lerninhalte werden über verschiedene Kanäle zugänglich gemacht (Texte, Video, Audio, usw.), denn die Technologie darf nicht der neue Treiber für Ungleichheit sein. Ein störungsanfälliger Livestream soll lieber durch Texte und andere datensparende Alternativen begleitet oder gar ersetzt werden.  
    • Lebendiger Austausch und Dialog, die unmittelbare Beantwortung von Fragen und mehr Mut zu „altmodischen“ Texten statt eindimensionaler Videos (ohne Transkript), abgefilmte Präsenzvorlesungen und besprochene Powerpoint-Folien, in denen sich Lehrende schulmeisternd positionieren.
    • Persönliche Treffen haben einen zentralen Stellenwert und Räume für die persönliche und reale Begegnung sind fixer Bestandteil des Blended Learning (mehr dazu im Blogbeitrag von Herbert Schwarzenberger).
    • Studienzeiten sind flexibel: Es soll (wieder) möglich sein, so schnell oder so langsam wie erforderlich zu studieren, Pausen einlegen zu dürfen, die schon mal einen Monat dauern, weil das Kind gerade in der Trotzphase steckt und die Oma krank ist.
    • Ein laut hörbares politisches JA zu mehr bundesgeförderten Fernstudienplätzen, denn das „Ja“ zur Umsetzung von E-learning an den Hochschulen greift eindeutig zu kurz. Das zeigt sich etwa ganz deutlich in dem Ausmaß, in dem individualisierte und zeitlich flexible Angebote im Online-Studiensektor auf den privaten Bildungsmarkt ausgelagert werden: Also dahin, wo finanzielle Hürden erst recht wieder Ungleichheit schaffen.

    Bleiben wir also auch nach der COVID-19- und „emergency remote teaching“-Zeit dran am Blended Learning, auch wenn die Hochschulen ihre physischen Türen vielleicht bald wieder weit aufmachen. Es geht um die Entwicklung neuer Formen des Lernens und Lehrens abseits der Notfallszenarien, in denen Chancengleichheit und akademische Bildung für alle nicht nur Schlagworte sind.

  • Was können wir vom Distance Learning in der Schule lernen?

    Was können wir vom Distance Learning in der Schule lernen?

    Im Zuge der Maßnahmen zur Eindämmung von SARS-Covid2 war es erforderlich den Schulbetrieb innerhalb weniger Tage von der Präsenz- in die Fernlehre zu verlagern. Inzwischen sind drei Monate vergangen und seit 18. Mai werden die Schüler_innen der Volks- und Unterstufe zumindest an manchen Tagen wieder vor Ort unterrichtet.

    Ich könnte jetzt einen langen Bericht darüber schreiben, wie es mir als Mutter in dieser Zeit des Distance Learning Schulbetriebs ergangen ist. So ein „Rant“ würde zwar meiner psychischen Gesundheit guttun, der Nutzen für Sie wäre aber vermutlich überschaubar.

    Viel mehr möchte ich meine Reflexionen aus der Perspektive einer Hochschullehrenden, die sich seit über acht Jahren mit Distance Learning beschäftigt hier teilen. Ein besonderes Augenmerk möchte ich darauflegen, was wir in der Online-Hochschullehre von der Schule lernen können:

    1. Strukturierung

    Eine goldene Regel im Distance Learning an der Hochschule ist, dass die Studierenden von Beginn der Lehrveranstaltung an, alle Arbeitsaufträge, die Sie für diese LV erfüllen sollen, genau kennen. Besonders für Studierende, die berufsbegleitend studieren, ist das wichtig, um sich die Zeit einteilen zu können.

    In der Schule hingegen verhält es sich anders: Die Arbeitsaufträge müssen gut portioniert sein. Je jünger die Kinder, desto kleinere Einheiten sind hier erforderlich. Auch der Planungshorizont ist ein anderer. Meine Erfahrung war, dass große Arbeitsaufträge, für die sie mehr als eine Woche Bearbeitungszeit hatten, leicht vergessen wurden. Zwar lernten die Kinder dadurch To-Do-Listen mit Abgabedaten zu erstellen, was wiederum Meta-Kompetenzen wie Organisationsfähigkeit förderte, vor allem aber anfangs war viel Unterstützung der Eltern erforderlich. Kleinere Portionen hingegen förderten die Motivation und gaben den Kindern leicht und rasch Erfolg, was sich positiv auf die Stimmung und die Arbeitsdisziplin auswirkte.

    Das Learning für Distance Learning in der Hochschule:

    Die goldene Regel gebe ich nicht auf. Aber kleinere Portionen an Arbeitsaufträgen verhelfen auch Studierenden zu schnellen Erfolgen und damit Motivation, wie auch schon Ingrid Wahl hier beschrieben hat. Die weitaus größere Selbstorganisationsfähigkeit und Flexibilität bei Erwachsenen hingegen ermöglicht mehr Spielraum bei größeren und längerfristigen Arbeitsaufträgen.

    2. Feedback

    Wir alle wissen: Spezifisches und möglichst individuelles Feedback ist für unsere Studierenden besonders wichtig. Was ich aber bei meinen Kindern im Distance Learning noch gelernt habe: Rasches Feedback ist noch wichtiger. Rasches Feedback auf Abgaben hatte einen großen Einfluss auf die Motivation der Kinder. Der Arbeitsaufwand für Lehrer_innen mit mehr als 25 Schüler_innen in einer Klasse und mehreren Klassen ist natürlich immens. Hier zeigte sich für mich jedoch, dass das konkrete Feedback weniger wichtig war, sondern eine rasche Rückmeldung verbunden mit aufmunternden Worten als Anerkennung für die erbrachte Leistung gut wirkte. Die Korrektur und Verbesserungshinweise können dann später nachgeliefert werden.

    Das Learning für Distance Learning in der Hochschule:

    Auch in der Hochschullehre können wir rasches kurzes Feedback geben, das gibt Anerkennung für die Leistung und fördert die Motivation. Das detaillierte und spezifische Feedback kann zu einem späteren Zeitpunkt nachgeliefert werden, spätestens jedoch rechtzeitig für die Prüfungsvorbereitung.

    3. Etablieren & Pflegen der sozialen Beziehung

    Das war ein großes Problem für die Kinder: die sozialen Beziehungen zu den Klassenkolleg_innen und den Lehrer_innen während der geschlossenen Schule fehlten komplett. Mit der Zeit begannen dann die ersten Lehrer_innen mit Chats und Webkonferenzen und diese direkte Interaktion schaffte wieder eine stärkere Bindung in der Klassengemeinschaft. Auch schriftliche Chats mit Small Talk waren hier sehr hilfreich. Aufmunternde Worte von Lehrer_innen lockerten die Kommunikation, die anfangs ausschließlich von Arbeitsaufträgen geprägt war, auf.

    Das Learning für Distance Learning in der Hochschule:

    Dem Small Talk und der sozialen Kommunikation genügend Zeit und Raum geben. Die Kommunikation sollte nicht immer nur auf organisatorische und fachliche Aspekte fokussiert sein. Für den Lernerfolg ist die soziale Beziehung zu den Lehrenden und den Kolleg_innen ebenso wichtig. Auflockernde und aufmunternde Worte in Webkonferenzen oder schriftlichen Chats wirken einfach und schnell.

    Learning für Distance Learning in der Schule:

    Gruppenarbeiten, wie sie bei uns an der FernFH viel eingesetzt werden, stärken ebenfalls die sozialen Beziehungen zu den Klasssenkolleg_innen. Virtuelle Gruppenmeetings und Gruppenchats ohne Lehrer_in entlasten die Lehrer_innen und fördern die Zusammenarbeit in der Klasse.

    4. Technische Ausstattung & Support

    Wie wichtig dieser Aspekt ist, hat diese Zeit wieder gezeigt. Sowohl bei den Lehrer_innen als auch bei den Schüler_innen musste die technische Ausstattung erst aufgebaut werden. In vielen Schulen haben die Lehrer_innen nur wenig technischen Support. Zu Hause kann man auch nicht davon ausgehen, dass jedes Kind ein entsprechendes Endgerät hat und Eltern, die damit umgehen können. Ohne dieser Ausstattung ist es aber wirklich sehr schwierig.

    Die Rolle der technischen Ausstattung und des Supports in der Online Lehre habe ich an dieser Stelle schon einmal erwähnt. Inzwischen hat die Regierung auch reagiert und kündigt hier Verbesserungen in den Schulen an.

    Das Learning für Politik und Schulverwaltung:

    Dieser Aspekt ist für alle Kinder und Lehrer_innen bereits in der Volksschule enorm wichtig. Ausstattung und Support müssen für ein gelingendes Distance und E-Learning in den Schulen unbedingt ausgebaut werden.

    Strukturierung, Feedback, Pflegen der sozialen Beziehung und die technische Ausstattung, das sind jene Faktoren aus der Zeit der Home Schooling Phase, die ich abgesehen von der persönlichen Überforderung und Überlastung für meine berufliche Tätigkeit mitnehmen konnte.

    Lassen Sie mich wissen, welche Erfahrungen Sie als Absolvent_in, Studierende_r, Kolleg_in und auch Interessent_in der FernFH als Eltern in dieser Zeit gemacht haben. Ich freue mich auf Ihre Kommentare!

  • Open Book Prüfungen? Nicht nur bei Schummel-Paranoia angesagt

    Open Book Prüfungen? Nicht nur bei Schummel-Paranoia angesagt

    Prüfungen an den Hochschulen wurden in den letzten Monaten auf einen Schlag digitalisiert und online abgewickelt. Nicht ohne eine gehörige Portion an Schummel-Paranoia seitens konservativer Bildungsbehörden und der Fernlehrskeptiker_innen sowieso. Diverse Verordnungen, Richtlinien und Rückfragen seitens studienrechtlich verantwortlicher Stellen machen sichtbar, dass vielerorts scheinbar mehr und öfter darüber nachgedacht wird, wie das Schummeln von Studierenden verhindert und aufgedeckt werden kann, als darüber, wie sinnvolle Prüfungen und Prüfungsaufgaben erstellt werden können. 

    Procter Systeme – das Ausleuchten des Wohnzimmers mit der Kamera – audiovisuelle Überwachung und Analysen mittels Künstlicher Intelligenz sind beliebte Diskussionsthemen. Unweigerlich geistern da Erinnerungen an Foucaults Buch „Überwachen und Strafen“ durch meinen Kopf. Das kann doch nicht „Lernen und Prüfen“ im Jahr 2020 sein!

    Was Prüfungen betrifft ist es derzeit jedenfalls so: Wenn vorher Wissensüberprüfung vermeintlich streng kontrolliert werden konnte und die Aufsichtspersonen – bemüht neutral dreinblickend – durch die freien Reihen des Hörsaals patrouillierten, sitzen heute viele Studierende zuhause, vielleicht sogar mit ihrem Notebook im Doppelbett, neben dem Gitterbett im Schlafzimmer oder aber hoffentlich an ihren Schreibtischen im halbwegs ruhigen Arbeitszimmer, und legen online schriftliche Prüfungen ab. 

    Wie das möglich ist? Mit Open Book Prüfungen, einer Form der Prüfungsgestaltung, die bei innovativen Lehrenden schon lange einen fixen Platz in der Lehre haben. Weil sie sinnvoll sind. Sie zeigen, ob Studierende Fähigkeiten erworben haben, die über stures Pauken und Auswendiglernen weit hinausgehen. In Open Book Prüfungen wird nach Lösungen für realitätsnahe Problemstellungen gefragt, die nur entwickelt werden können, wenn Studierende über fundiertes Wissen verfügen und dieses auch eigenständig und kritisch miteinander vernetzen können. Logisch, dass dabei Nachschlagen in Büchern, Skripten oder Mitschriften in der Prüfungssituation zugelassen ist. Genauso, wie das im beruflichen Alltag der Fall wäre.

    Bei Open Book Prüfungen sind die erlaubten Hilfsmittel vorab festgelegt und allen bekannt. Studierende können eine solche Prüfung aber nur bestehen, wenn Sie das grundlegende fachliche Wissen, vielleicht sogar im Schlaf, abrufen könnten. Sollte aber ein Detail, eine Kleinigkeit, eine Formel für den Lösungsweg fehlen, dann ist es erlaubt diese Information rasch nachzuschlagen. Genauso, wie das im beruflichen Alltag der Fall wäre.

    Das ist auch die Grundidee von Open Book Prüfungen.

    Das Positive: Open Book Prüfungen befeuern eine neue Lehr-Lernkultur

    • Studierende werden und sollen sich nicht auf das auswendig lernen fixieren. Wenn man von fünf Elementen eines Modells eines nicht frei abrufen kann, ist das nicht tragisch. Das nimmt Angst und gibt Sicherheit.
    • „Bulimie-Lernen“ wird verhindert und Wissen wird langfristig abgespeichert: Wer kennt nicht das Phänomen, dass in der knappen Zeit kurz vor der Prüfung noch große Stoffmengen in das Hirn hineingestopft, bei der Prüfung einiges wieder ausgespuckt und schon nach ein paar Tagen das Wissen nicht mehr abgerufen werden kann?  
    • Studierende werden mehr am Verstehen arbeiten, sich stärker an den Lernzielen orientieren und fragen: Was sollte ich nach einer Lehrveranstaltung können? Und nicht: Was muss ich für die Prüfung wissen?
    • Lehrende werden ihre Aktivitäten und Aufgaben stärker nach den vereinbarten Lernzielen ausrichten. Zentraler Fokus wird, was die Studierenden am Ende der Lehrveranstaltung können sollen und nicht, welche Inhalte in diesem Fach unbedingt durchgenommen werden sollen.
    • Bereits diese wenigen Beispiele zeigen, dass allein eine Prüfungsmethode zu einer Veränderung im Lehr- und Lernprozess beitragen kann. Dazu will ich ein anderes Mal gern mehr berichten.

    Das Schwierige: Open Book Prüfungen verringern nicht den Lernaufwand und erfordern profundes Fachwissen

    Die Prüfungszeit ist beschränkt, aber vor der Prüfung ist viel mehr Zeit als in der Prüfung.

    Studierende dürfen jederzeit nachschauen, wenn Sie etwas nicht wissen. Und das ist auch die größte Falle, in die sie anfangs tappen. Wissensbestände nicht verknüpft, nicht hinterfragt, mit niemandem darüber geredet, niemals an einem Beispiel angewendet, niemandem erklärt und nicht verstanden? Dann wird die Zeit schon um sein, wenn die Beantwortung der ersten Frage gerade fertig ist. Nachschlagen kostet Zeit und der Umstand, dass es erlaubt ist, kann dazu führen, dass sich Studierende schlechter vorbereiten und weniger lernen. Dass sie dann bei Open Book Prüfungen schlechter abschneiden, zeigen leider auch neue Studien (zB. Rummer, Schweppe & Schwede, 2019).

    Antworten zu Open Book Prüfungsfragen sind nicht einfach an einem Ort in den Unterlagen, auch nicht im Internet zu finden.

    Genauso ist es in der beruflichen Praxis: klar kann man alles nachschlagen, aber ob das in der letzten Verhandlungsrunde mit einer wichtigen Firmenpartnerin oder bei der Präsentation angesagt ist, in der die Geschäftsergebnisse zur Sprache kommen, sei dahingestellt. Auch wer sich mit seinen Argumenten in vielfältigen Arbeitsituationen durchsetzen will, oder eine andere Person in einer konkreten Sache gut beraten will, muss auf eine Fülle von Wissen aus dem Stegreif zurückgreifen können; muss verschiedene Wissensbestände anzapfen und verknüpfen und auf ein bestimmtes Problem umlegen und Alternativen aufzeigen können. Ist das nicht gerade der Unterschied zwischen wissenden und gebildeten Menschen?

    Die Schwierigkeit von Open Book Prüfungsfragen ist hoch.

    Die Vorbereitung auf Open Book Prüfungen muss geübt werden. Es fällt Studierenden nach jahrelangem Üben des Auswendig-Lernens vermutlich leichter, eine Reihe von Fakten aus dem Gedächtnis abzurufen und aufzuzählen, als ein Modell konsequent an einem konkreten Beispiel logisch und nachvollziehbar zu erklären. Oder: Fünf Vokabeln in einer Fremdsprache zu lernen ist einfacher, als einen sinnvollen Text mit diesen fünf Wörtern zu schreiben. Ich habe nicht erst einmal von Studierenden gehört, dass Sie „normale Wissensprüfungen“ einfacher erleben als die Ausarbeitung von Aufgaben und Fallbeispielen im Rahmen immanenter Leistungsüberprüfungen. Auch die Lehrenden sind gefordert: Weder die Entwicklung der Prüfungsaufgaben noch die Korrektur der individuellen Lösungswege ist einfach und bedeutet erst einmal Umstellung und zusätzlichen Aufwand.

    Tipps zum Mitnehmen: Wie sich Studierende gut auf Open Book Prüfungen vorbereiten können

    Verstehe die Fakten zu den Erwartungen:

    • Welche Art von Fragen kommen zur Prüfung (MC-Fragen, Kurzantworten, Fallanalysen mit Wortbegrenzungen)? Wie viele Fragen kommen und wie umfassend sollen Antworten sein?
    • Wie lange habe ich insgesamt Zeit und welche Materialien darf ich verwenden? Müssen Quellen angeführt werden?

    Investiere in die perfekte Vorbereitung der Hilfsmittel:

    • organisiere Hilfsmittel mit System, um die gesuchten Informationen schnell zu finden: nach Kapitel, nach Themen, nach möglichen Anwendungsbeispielen 
    • Post-its nutzen und alle Bücher oder Skripten damit farbig bestücken
    • Schlüsselwörter im Text markieren oder Kommentare an den Rand schreiben

    Erstelle kompakte Zusammenfassungen der Inhalte:

    • Dinge, die man sich schwer merken kann und die man sonst auf Schwindelzettel schreibt
    • Handschriftliches Zusammenfassen wirkt übrigens zusätzlich lernförderlich! (Hotz, 2016)

    Nutze den positiven Testeffekt:

    • Wir lernen schneller, wenn wir uns selbst testen oder uns gegenseitig abfragen (Argawal et al, 2017): also lieber Quizzes und Karteikarten bearbeiten oder anderen Inhalte anhand eines Beispiels erzählen als den Text ständig wiederholen und lesen.

    Entspann Dich:

    • weil es nicht entscheidend ist, ob einem von 7 Sachen einmal nur 6 einfallen.
    • Genauso wie das im beruflichen Alltag der Fall ist!

    Quellen und Empfehlungen zum Weiterlesen:

  • Drei Mythen zu E-Learning an Hochschulen

    Drei Mythen zu E-Learning an Hochschulen

    Wir an der FernFH beschäftigen uns bereits seit über zehn Jahren mit E-Learning im Hochschulbereich. Wenn wir auf Konferenzen mit Menschen mit weniger E-Learning-Erfahrung zusammentreffen, dann begegnen uns immer gleiche Mythen zum E-Learning. Auch in den vergangenen Wochen der Corona-Krise, als alle Bildungsinstitutionen innerhalb kürzester Zeit auf Distance Learning umstellen mussten, tauchten diese Mythen auf.

    Mythos 1: Die Videovorlesung

    Die meisten Menschen stellen sich unter E-Learning vor, dass die gesamte Vorlesung einfach online abgehalten wird. Entweder der/die Hochschullehrende zeichnet die Vorlesung auf Video für die Studierenden auf, oder die Vorlesung wird in Echtzeit gestreamt. Die Studierenden sitzen dabei vor ihren Endgeräten und können per Chat oder Mikrofon Kommentare abgeben und Fragen stellen.

    Was ist dran?

    Dieses Setting wird an manchen Hochschulen gerne als E-Learning eingesetzt, weil das Lehrkonzept im Vergleich zur Präsenzlehre – Stichwort: Frontalunterricht – kaum geändert werden muss.

    Was ist das Problem?

    Frustration bei Lehrenden, weil sie kein direktes Feedback (Video), bzw. kaum Feedback (Stream) bekommen, da sie Mimik und Gestik nicht lesen können. Es ist nicht oder nur schwer einzuschätzen, ob die Studierenden dem Vortrag folgen können oder auch vielleicht mit anderen Dingen beschäftigt sind. Aber auch die Studierenden sind nicht selten enttäuscht: Bei großen Gruppen geht eine Wortmeldung leicht unter oder ist gar nicht möglich. Nicht zu reden davon, wie schwierig es ist, aufmerksam und konzentriert bei einer 90-Minuten-Online/Video-Vorlesung dran zu bleiben.

    Fazit

    Eine Videoaufzeichnung bzw. ein gestreamter Vortrag allein ist noch keine E-Learning-Lehrveranstaltung. Methodenmix ist ein wichtiger und zentraler Aspekt im E-Learning. Außerdem sind Videovorlesungen für Lehrende und Studierende anstrengend und frustrierend. Für kleine „Happen“ wie Erklärungen, Herleitungen von Formeln, u.ä. sind Videos ein sehr sinnvolles Element im E-Learning. Es sollte aber sparsam und gezielt und in Kombination mit anderen didaktischen Methoden eingesetzt werden.

    Mythos 2: Soziale Interaktion ist online einfach nicht möglich.

    Dieser Mythos hat seinen Ursprung in der „Alt-Form“ des E-Learnings, als Unterlagen, Folien oder Texte auf einer Online-Plattform zur Verfügung gestellt wurden und die Studierenden ihrerseits ihre Ausarbeitungen zur Abgabe online hochluden. Er hängt aber auch mit Mythos 1 – Die Videovorlesung – zusammen.

    Was ist dran?

    Im E-Learning ergibt sich die soziale Interaktion nicht „von selbst“ wie wir es in der Präsenzlehre kennen. Die Hemmschwelle für Studierende sich zu Wort zu melden ist weitaus höher.

    Was ist das Problem?

    Es wird übersehen, dass Diskussionen im virtuellen Raum angeleitet und gut moderiert sein wollen: erstes Kennenlernen, aktives Fragenstellen durch die Lehrenden, die Strukturierung und Zusammenfassung der Diskussion (siehe auch hier in unserem Blog).
    Zudem fehlt auch oft das Wissen über Tools, die die soziale Interaktion online fördern (hier finden sich viele Beispiele für Kommunikationstools und Lehrszenarien).

    Fazit

    Vor allem die Dramaturgie und Moderation einer Lehrveranstaltung ist entscheidend dafür, wie interaktiv diese abläuft. Aber auch Tools wie Wikis, Peer Feedback, Padlets uvm. und der sparsame Einsatz von synchroner Kommunikation (Webkonferenz, Chat) lassen soziale Interaktion im E-Learning gut funktionieren.

    Mythos 3: E-Learning spart Kosten.

    Dieser Mythos hängt ebenfalls stark mit Mythos 1 zusammen und ist besonders unter Hochschulmanager_innen verbreitet. Dahinter steht die Annahme, dass Lehrende beim E-Learning weniger Zeit im Hörsaal verbringen und, dass Infrastrukturkosten eingespart werden.

    Was ist dran?

    Ja, natürlich: Weniger Präsenzlehre spart Raumkosten. Lehrende haben weniger Anreisezeit. Aber das ist es dann auch schon. Demgegenüber stehen Kosten für Hardware, Serverausstattung, Software und vor allem die Zeit der Lehrenden.

    Was ist das Problem?

    Vor lauter Kosten sparen wird nicht gesehen, dass E-Learning zunächst einmal Investitionen erfordert: in die IT-Infrastruktur, aber vor allem in den Support und in die Personalentwicklung der Lehrenden. Auch an der, anlässlich der Corona-Krise überstürzten Umstellung auf E-Learning an vielen Hochschulen hat sich das gezeigt: überlastete Server und IT-Verantwortliche, überforderte Lehrende und frustrierte Studierende.
    Lehrende müssen sowohl technisch als auch didaktisch geschult und begleitet werden. Sie benötigen qualifizierte Unterstützung im E-Learning. Eine Lehrveranstaltung, die überwiegend über E-Learning abgehalten wird, muss vor Beginn sehr detailliert konzipiert und geplant werden, und zwar sowohl die didaktischen Elemente als auch deren technische Umsetzung. Während der Lehrveranstaltung müssen Studierende gerade im E-Learning dicht betreut werden: Fragen beantworten, Diskussionen moderieren, individuelles schriftliches Feedback auf Aufgaben geben. Das ist alles sehr zeitintensiv.

    Fazit

    E-Learning spart in manchen Bereichen Kosten. Ohne Investitionen in Technik, Personal und Personalentwicklung geht es aber auch nicht. Das sind jedoch Investitionen, die sich langfristig sicherlich bezahlt machen: im Kompetenzerwerb, in der Qualität der Lehre und der Zufriedenheit aller Beteiligten.

    Welche Mythen kennen Sie zum E-Learning?

    Diese drei sind die häufigsten Mythen zum E-Learning, denen wir begegnen. Wie ist das bei Ihnen? Welche Mythen kennen Sie zum E-Learning und Distance Learning aus Studierenden- und aus Lehrendensicht? Wir freuen uns auf Ihre Kommentare!

    Quellen

    https://www.e-teaching.org/technik/kommunikation

    https://www.e-teaching.org/technik/kommunikation/synchron

    https://www.e-teaching.org/lehrszenarien/vorlesung/diskussion/e-moderation.pdf

  • Zu wenig Diskussion in Ihrer Online-Lehrveranstaltung? So schaffen Sie Abhilfe!

    Zu wenig Diskussion in Ihrer Online-Lehrveranstaltung? So schaffen Sie Abhilfe!

    Diskussionen sind wertvoll für das Lernen. Sei es, dass es nur einmal darum geht, zu erfahren, was die anderen von den eigenen Ideen halten oder dass wir durch gegenseitigen Austausch zu neuen Erkenntnissen gelangen und ein erweitertes Verständnis gewinnen. In Online-Kursen ist es aber echt nicht immer ganz einfach, die Kommunikation der Studierenden anzukurbeln. In so manchem Lehrveranstaltungsforum geht es recht schweigsam zu.

    Spielt sich der lustvolle Austausch unserer Studierenden gar anderswo ab?

    Um Kommunikation online auf einen guten Weg zu bringen und Lehrveranstaltungsinhalte in Diskussionen lebendig werden zu lassen, können wir auf wissenschaftliche Evidenz zurückgreifen. Studien, wie die von Deng und Tavares (2013), geben Einblick in Befunde, die Lehrende (aber selbstverständlich auch Studierende) kennen sollten:

    Faktoren, welche eine Wirkung darauf haben, wie und ob sich Studierende an einer Online-Diskussion aktiv beteiligen:

    • Individuelle Faktoren wie das Vorwissen zum Thema, eine positive Einstellung zum Lernen und die intrinsische Motivation wirken positiv. Zeitdruck und Stress, besonders zu beachten bei Berufstätigen, reduzieren Diskussionsbeiträge.
    • Soziale Faktoren wie die Beziehungsqualität, ein wertschätzendes Austauschklima und die Präsenz der Lehrenden, die Aktivität, die Moderation der Lehrenden sind ein Anker für die Beteiligung der Studierenden.
    • Pädagogische Faktoren wie die Art der Aufgaben in der Lehrveranstaltung, deren Anreiz und wie bewertet wird, also auch die Frage ob Beiträge zu Fachdiskussionen freiwillig sind oder die themenrelevanten Diskussionen in die Leistungsbeurteilung einfließen, spielen eine Rolle.
    • Schließlich wirken auch technologische Faktoren, die Online-Lernumgebungen attraktiver machen, wie Farben, Bilder, Texte, Videos oder Likes für Forenbeiträge auf die Diskussionsfreudigkeit ein.

    Soweit zu dem Wissen, das Lehrende nutzen können, um Kommunikation und Interaktion in Online-Räumen zu verstehen. Was aber kann ich konkret tun, wenn es in meiner Lehrveranstaltung lebendig zugehen soll? Ich habe hier meine Favoriten, einige To Do’s aus meiner persönlichen Erfahrung in Online Kursen von bis zu 70 Studierenden zusammengestellt:

    Lebendige Online-Diskussionen erwünscht? Das können Sie tun!

    • Ermöglichen Sie das Ankommen und Kennenlernen: Eine Vorstellungsrunde vielleicht sogar in Form von Videos, Fotos oder Bildern initiieren oder Themenimpulse setzen und persönliche Positionen dazu erfragen. Kein Präsenzseminar, auch keine Projektgruppensitzung, kommt ohne Vorstellungsrunde ohne „Wer bin ich, woher komm ich und was tu ich hier“ aus!
    • Leben Sie wertschätzende und freundliche Umgangsformen vor: Sprechen Sie die Personen mit Namen an, insbesondere wenn Sie Antwortpostings verfassen!
    • Lassen Sie die Leute sichtbar werden, aus der Anonymität hervortreten, ihr Gesicht zeigen! Dulden Sie keine anonymen Profile und schreiben sie die Personen, wenn nötig direkt an. Mit den gängigen Lernmanagementsystemen ist das über die Teilnehmer_innenlisten kaum ein Aufwand. Stellen Sie Fragen, die zum individuellen Antworten einladen. Fördern Sie keine Online-Versteckspiele, in dem Sie die Studierenden ausschließlich in Gruppen arbeiten lassen.
    • Moderieren Sie proaktiv: Wie würden Sie als Moderator_in nach dem Wochenende in einem Präsenz-Seminar den Teilnehmer_innen den Einstieg erleichtern: Zusammenfassen, was schon passiert ist oder einfach mit einem neuen Thema beginnen?
    • Machen Sie klar was Sie erwarten: Form, Länge und auch inhaltliche Aspekte von Diskussionsbeiträgen. Von „Hier ist Platz für Ihren Beitrag!“ bis „Nehmen Sie Stellung zu XY und fassen Sie Ihre Meinung in maximal 300 Wörter!“ ist viel Gestaltungsfreiheit.
    • Schöpfen Sie aus der Vielfalt der verfügbaren Medien: Schaffen Sie Abwechslung durch die Wahl der eigenen Medien und geben Sie auch den Studierenden die Möglichkeiten, mit verschiedenen Medien aktiv zu werden (Videos nutzen, Text schreiben, Kommentare verfassen, Kritik formulieren, die Möglichkeit sich anonym zu beteiligen, …)
    • Hinterfragen Sie Ihr Mindset: Will ich, dass die Studierenden die Inhalte kritisch hinterfragen und etwa auch auf Praxistauglichkeit abklopfen, würde ich im Fall einer kritischen Anmerkung auch bereit sein, etwas zu ändern oder will ich vielleicht gar nicht wissen, wie die Lerninhalte bei den Studierenden ankommen?
    • Beziehen Sie Diskussionsbeiträge in die Beurteilung ein: Wenn die kritische Auseinandersetzung zu einem Thema, das Online Engagement oder die Mitarbeit zu den Lernzielen gehören, dann überlegen Sie ruhig, Diskussionsbeiträge auch als Leistungen zu bewerten.

    Zukünftige Akademiker_innen müssen es schaffen, sich in eine größere Diskussion einzubringen, die eigene Stimme zu erheben und eine persönliche Meinung zu sagen und damit einen Beitrag zu einer offenen demokratischen Gesellschaft zu leisten. Dabei sind individuelle Hürden, die in Form von mangelndem Selbstwert daherkommen und andere Hemmungen und Hinderungsgründe, zu überwinden. Überlegen, experimentieren, ausprobieren, reflektieren und argumentieren:

    Wo wäre ein besserer Ort genau das zu tun, wenn nicht an unseren Hochschulen?

    Und da wir uns nachweislich besonders gut emotional und humorvoll verpackte Informationen merken, hier zum Abschluss ein paar witzige aber ernstzunehmende …

    „Todsichere Tipps“,
    die garantiert jegliches „Geschwätz“ in Ihrem Online-Kurs verstummen lassen:

    • Reagieren Sie nicht auf Fragen!
    • Reagieren Sie nicht auf Kritik!
    • Stellen Sie selbst keine Fragen, die Leute dazu verführen könnten, Antworten zu schreiben!
    • Verharren Sie ruhig und gelassen in der Rolle der Beobachter_in!
    • Sehen Sie zu, wie die Unterhaltung in Ihrem Online-Kurs mehr still als gelassen in Ruhe dahinfließt, um dann kurz vor einer möglichen Abschlussprüfung oder vor Abgabe einer Abschlussarbeit nochmal aufzuschrecken. Aber nur, um ein, zwei kurze Fragen zu klären: „Was von den Lehrmaterialien ist denn nun wirklich prüfungsrelevant?“ und „Könnte man da nicht auch noch den Prüfungsstoff etwas einschränken?“. Aber wie Sie solche Fragen auf jeden Fall vermeiden können, das ist schon wieder eine nächste Geschichte …

    Literatur:

    Deng, Liping & Tavares, Nicole J. (2013). From Moodle to Facebook: Exploring students‘ motivation and experiences in online communities. Computers & Education, 68(1), 167-176.

    Lujan, Heidi L., & DiCarlo, Stephen E. (2016). Humor promotes learning. Adv Physiol Educ, 40(4), 433-434.

  • Was ist für wen „normale“ Lehre?

    Was ist für wen „normale“ Lehre?

    Was bedeutet „normale“ Lehre? Was ist „normal“? Nach der Meinung vieler Menschen: Normal ist was die meisten Leute tun. Alle anderen Sachen sind einfach anders.

    Auch bei der Lehre ist das so. Wenn man täglich – oder mindestens viermal in der Woche – auf die Fachhochschule (FH) fährt, ist das normal. Wenn man nur dreimal im Semester zur FernFH fährt, ist es einfach anders. Das sind wir.

    Unsere Lehre ist die Fernlehre.

    Ich war 13 Jahre lang in der „normalen“ Lehre tätig. Jeden Tag war ich an der FH, habe meine Vorlesungen, Programmierstunden oder etwas ähnliches gehalten. Das heißt: um 6:00 in der Früh aufstehen, um 7:30 in der Arbeit sein, bis 15:00 Uhr unterrichten. Dann natürlich noch Tests verbessern, ein paar Fragen beantworten, Bachelorarbeiten betreuen usw. Jeden Tag, von Montag bis Freitag.

    Heute bin ich nicht mehr in der „normalen“ Lehre tätig, sondern in der Fernlehre. Das schaut ganz anders aus, da die Studierenden nur sechs Tage im Semester an der FernFH anwesend sind.

    Oder doch nicht?

    Ich stehe um 6:00 auf, um 7:30 bin ich in der Arbeit. Ich arbeite zirka bis 16:00 Uhr. Jeden Tag, von Montag bis Freitag. Gibt es dann einen Unterschied? Ja. Ich halte nicht jeden Tag Vorlesungen, Programmierstunden oder etwas ähnliches.

    Bei der „normalen“ Lehre sind in einem Kurs mindestens 25 Studierende. In diesem Fall hat man zwei Optionen:

    • während des Programmierens entweder alle Fragen beantworten und fast gar nicht im Stoff weiterkommen, oder
    • fast keine Fragen beantworten und im Stoff einfach weitergehen.

    Beides ist keine gute Lösung. Wir haben uns darüber noch keine Gedanken gemacht, dass die Studierenden unterschiedliche Niveaus im Programmieren haben …

    An der FernFH habe ich oft 80 statt 25 Studierende. Aber diese 80 Studierenden lernen alles selbst. Einige erst in der letzten Woche, andere schon ab der ersten Woche des Semesters.

    Die Zeit können sie sich selbst einteilen, und sie können jederzeit Fragen stellen.

    Es gibt die Möglichkeit, die Unsicherheiten untereinander zu besprechen, oder mich zu fragen. Dafür bin ich da.

    Meine Aufgabe ist es, die Studierenden zu unterstützen.

    Egal ob sie den Stoff in einer Woche oder in drei Monaten durcharbeiten können. Natürlich müssen es alle bis zur Prüfung schaffen.

    Ich habe jetzt einen großen Vorteil, der in der „normalen“ Lehre nicht möglich war: es gibt endlich Kontakt zwischen Lehrenden und Studierenden. Es gibt genug Zeit, Fragen zu beantworten, neue Beispiele auszuarbeiten, sofortiges Feedback zu geben. Wenn Wichtiges fehlt, kann ich per Skype auch wöchentlich Vorlesungen anbieten.

    Jede_r Studierende kann im eigenen Tempo weitergehen, muss keinen Stress wegen Fragen haben, sich Sorgen machen was die anderen glauben, wenn sie etwas fragen, …

    Komischerweise hatte ich während der 13 Jahre in der „normalen“ Lehre viel weniger Kontakt mit meinen Studierenden gehabt, als im letzten Jahr an der FernFH – trotzdem wir uns jede Woche gesehen haben.

    Das macht mich glücklich.

    Ich kann Studierende jetzt richtig unterstützen und nicht nur lehren. Kann ihnen die Kenntnisse, die sie brauchen, vermitteln.

    Ich hoffe, dass das meine Studierenden auch glücklich macht und viel Freude beim Lernen bringt!

    Wir haben aber jetzt eine Sondersituation….

    Seit Montag 16.03.2020 dürfen aufgrund der Situation in Zusammenhang mit COVID-19 keine Studierenden mehr im Hochschulbereich vor Ort zu sein. Sie müssen alles von zu Hause erledigen. Kein Frontalunterricht, keine Präsenzveranstaltungen, keine persönlichen Gespräche mit den Betreuer_innen und/oder Studienkolleg_innen.

    Das ist eine sehr spezielle Situation.

    Die Studierenden müssen sich darum kümmern, alles alleine zu besorgen und zu erledigen.

    Die Lehrenden müssen alle Lernunterlagen irgendwie den Studierenden mitteilen, Skype oder Teams Gruppen erstellen, statt persönliche Kontakte alles online machen.

    Für uns an der FernFH ist das eigentlich ganz normal.

    Oder doch nicht? Wir dürfen auch nicht mehr an die FernFH gehen, wir müssen von zu Hause arbeiten. Natürlich vermisse ich meine Kolleg_innen sehr. Es ist schön zu Hause zu sein, aber man braucht soziale Kontakte. Wenn ich dieses Gefühl habe, mache ich einen Kaffee für mich, und skype mit meinen Kolleg_innen. Wir trinken gemeinsam einen Kaffee. 🙂

    Von der Arbeitsseite her ist es eigentlich nicht anders. Ich bereite meine Online-Tests vor, ich betreue meine Studierenden, wie immer – ONLINE.

    In unserer Arbeit gibt es zum Glück keine Pause, keine große Besonderheit – außer, dass unsere FernFH am 17.03.2020 die ersten Online-Abschlussprüfungen in Österreich erfolgreich durchgeführt hat. Sonst läuft alles, wie gewohnt.