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  • Qualitative Sozialforschung in Zeiten von Covid19 – die Quadratur des Kreises

    Qualitative Sozialforschung in Zeiten von Covid19 – die Quadratur des Kreises

    In Zeiten der physischen Distanz und fehlenden face-to-face-Kontakte erscheint es fast paradox sich mit qualitativer Sozialforschung zu beschäftigen, die ja per se durch physische Kontakte und Begegnungen überhaupt erst ermöglicht wird bzw. zustande kommt. Immerhin geht es dabei darum, „Lebenswelten ‚von innen heraus‘ zu beschreiben“ und dadurch dazu beizutragen, soziale Wirklichkeit zu verstehen und zu erklären[1]. Typische qualitative Erhebungsmethoden sind z.B. Interviews, Fokusgruppen, Gruppendiskussionen oder Beobachtungen.

    …oder die neue Selbstverständlichkeit?

    So versiert, wie wir nun alle nach Monaten des Distance- und Online-Kommunizierens sind, begegne ich nun immer wieder Aussagen, wie „Dann eben einfach Online-Interviews!“ …Einfach online…? Fast selbstverständlich wird davon ausgegangen, dass sich qualitative Erhebungsmethoden 1:1 in den virtuellen Raum übertragen lassen. Aber ist das wirklich so einfach?

    Digitale Erhebungsmethoden – Grenzen, Sorgen,…

    Natürlich lassen sich Interviews unter bestimmten Voraussetzungen per Video, online[2] oder auch telefonisch durchführen, bei Fokusgruppen oder Beobachtungen stoßen wir aber an die Grenzen des virtuellen Raums. Natürliche, sprachliche und v.a. auch nonverbale Reaktionen werden z.B. durch eine strukturierte Vorgehensweise in Online-Gruppen-Situationen unterbunden, verfälscht oder sind für die/den Forscher_in nicht mehr zugänglich. Einander in die Augen zu schauen, als eines der zentralen Prinzipien der Aufrechterhaltung von Kommunikation und Herstellung von Rapport, ist online schlichtweg nicht möglich. Physische Beobachtungen von realen Situationen sind durch das Distanz-Gebot obsolet geworden. Situationsbedingt ist daher einerseits eine Verschiebung zu quantitativen Methoden zu beobachten (z.B. Einsatz von Fragebögen). Andererseits findet zunehmend eine nahezu selbstverständlich vorgenommene Vermischung bzw. sogar ein regelrechter Austausch von Offline- durch Online- /digitale Erhebungsmethoden statt, bei dem das eine unhinterfragt durch das andere ersetzt wird.

    …Chancen

    Das heißt aber nicht, dass Online-Erhebungsmethoden nicht auch ihre Berechtigung haben und oft gegenüber dem bisherigen Goldstandard face-to-face durchaus auch deren Vorteile überwiegen: Interviewpartner_innen sind mitunter leichter verfügbar, Anfahrtszeiten entfallen und auch die Aufnahme und Dokumentation ist durch die Technisierung einfacher geworden.

    …und Konsequenzen

    In erster Linie fehlt allerdings derzeit noch vielfach die Einsicht und das Zugeständnis, dass es sich bei der Anwendung von digitalen bzw. Online-Erhebungsmethoden schlichtweg um andere Erhebungsmethoden handelt, die auch eine dementsprechend andere Herangehensweise und Durchführung voraussetzen. Womöglich bringen diese auch andere Resultate hervor, wodurch die Beantwortung der ursprünglichen Forschungsfrage nicht mehr gewährleistet werden kann. Zudem kann es auch zu einer Änderung von Forschungsfragen, -fokus und Zielgruppen kommen. Insbesondere vulnerable Gruppen können mit digitalen Erhebungsmethoden nur schwer erreicht werden. Wesentlich ist, dass Forschung damit einer grundlegenden Änderung unterliegt, die es v.a. in Forschungsberichten und Qualifikationsarbeiten zu deklarieren und zu reflektieren gilt.  

    …und am Ende kommt es immer darauf an…

    Qualitative Sozialforschung ist zwar in ihrer Grundausrichtung flexibel und erfährt daher einen ständigen Wandel, unterliegt aber dennoch auch einer bestimmten Trägheit in ihren methodischen Strukturen. Bestrebungen zur Veränderung und Neuausrichtung sind jedoch bereits evident, so sind z.B. in der ethnographischen Forschung vielversprechende Ansätze zu finden, wie digitale Foto-Tagebücher[3] oder der Einsatz von tragbaren Kameras[4], um die Perspektive der Nutzer_innen einzufangen. Andere digitale Erhebungsmethoden sind z.B. Story-Completion-Methods[5], app-basierte Methoden[6] oder Email- bzw. Instant Messenger Interviews[7]. So interessant und innovativ das nun auch alles klingen mag, ist aber natürlich immer abzuwägen, ob diese Methoden für das jeweilige Forschungsvorhaben auch passend sind…


    Literatur

    [1] Flick, U., Kardorff, Steinke: Qualitative Forschung: Was ist qualitative Forschung? Einleitung und Überblick.

    [2] Mirick, R. G., & Wladkowski, S. P. (2019). Skype in Qualitative Interviews: Participant and Researcher Perspectives. The Qualitative Report, 24(12), 3061-3072. https://nsuworks.nova.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=3632&context=tqr

    [3] Volpe, C.R. (2019). Digital diaries: new uses of PhotoVoice in participatory research with young people, Children’s Geographies, 17:3, 361-370.

    [4] Pink, S. (2015). Going forward through the world: thinking about first-person perspective digital ethnography between theoretical scholarship and applied practice. Integrative Psychological and Behavioral Science. 49(2): 239-252

    [5] Clarke, V., Braun, V., Frith, H., & Moller, N. (2019). Editorial Introduction to the Special Issue: Using Story Completion Methods in Qualitative Research. Qualitative Research in Psychology, 16(1), 1–20. https://doi.org/10.1080/14780887.2018.1536378

    [6] Kaye, L.K., Monk, R.L., & Hamlin, I. (2018). ‘Feeling appy?’ Using app-based methodology to explore contextual effects on real-time cognitions, affect and behaviours. In C. Costa & J. Condie (eds.), Doing research in and on the digital. Research methods across fields of inquiry (p. 11-30). Abingdon, UK and New York: Routledge.

    [7] Braun, V., Clarke, V., & Gray, D. (Eds.). (2017). Collecting Qualitative Data: A Practical Guide to Textual, Media and Virtual Techniques. Cambridge: Cambridge University Press. 

    Kaufmann, K., & Peil, C. (2019). The mobile instant messaging interview (MIMI): Using WhatsApp to enhance self-reporting and explore media usage in situ. Mobile Media & Communication, Online first, 1-18. https://doi.org/10.1177/2050157919852392

  • Abschlussarbeiten schreiben – Wie fange ich bloß an?

    Abschlussarbeiten schreiben – Wie fange ich bloß an?

    Aller Anfang ist schwer, das gilt für Abschlussarbeiten, aber auch für Blogbeiträge wie diesen hier! ☺ Wie kann man sich hier helfen, dass das leichter geht? Naja, es hilft nix, man muss sich hinsetzen und es einfach tun. Es ist tatsächlich harte Arbeit, so eine Abschlussarbeit zu schreiben und alle die behaupten, die eigene Arbeit in 2-3 Tagen geschrieben zu haben, lügen. Zumindest meiner Erfahrung nach!

    Nach diesen wohl kaum aufbauenden Worten soll die Hoffnung auf eine fertige Abschlussarbeit nicht aufgegeben werden. Eines der ersten Dinge, die man angehen muss, ist das Thema der Arbeit. Man sollte sich auf jeden Fall etwas aussuchen, das einen interessiert, weil sich 9 Monate oder länger mit etwas zu beschäftigen was uninteressant ist, ist echt zach. Obwohl teilweise kommt das Interesse auch mit der Beschäftigung. Oder hätte ich mir träumen lassen, dass mich das soziale Dilemma Steuern interessieren und ich sogar eine Dissertation dazu schreiben würde? Ein verwandtes soziales Dilemma – Schwarzfahren – war da schon eher in meinem Interessensgebiet. 😊

    Aber ich schweife vom Thema ab. Wenn man mal weiß was einen interessiert, sollte man zu lesen beginnen. Einfach mal ein paar zufällig im Internet gefundene (aktuelle) Fachartikel zum Thema durchstöbern. Google Scholar hilft da ungemein. Vielleicht wird in den Diskussionen schon eine Frage vorgeschlagen, die interessant klingt. Oder beim Lesen fällt einem selbst auf, dass da noch ein Aspekt fehlt oder bisher vernachlässigt wurde.

    Zu einem Thema kann man auch kommen, wenn man das eigene Tun bzw. das eigene Umfeld beobachtet. Gibt es da irgendwelche Auffälligkeiten, die mich näher interessieren und denen ich auf den Grund gehen möchte? Mich interessiert zum Beispiel, warum mir meine Eltern kein Geld mehr schenken 😊 (Memo an mich selbst: neues Abschlussarbeitsthema zur „Bedeutung von Geldgeschenken im Familienkontext“ ausschreiben).

    Das bringt mich schon zum nächsten Tipp: Nicht zu verachten sind natürlich die von den Betreuer_innen ausgeschrieben Themen. Es kann wohl kaum ein Fehler sein, wenn das eigene Interesse und das Interesse der Betreuung zusammenpassen. Vielleicht entsteht am Ende aus der Arbeit sogar ein wissenschaftlicher Artikel, wie das ein paar meiner Studierenden schon vorgemacht haben (z.B. Erich Neuwirth, Ursula Höllhumer, Manuel Brugger, Christoph Högl).

    Wobei … wirklich wichtig ist, dass man sich nicht zu viel vornimmt. Klar sind tausend Dinge interessant, aber nicht alles passt in eine einzige Abschlussarbeit. Da muss man sich unbedingt einschränken und sich den kleinen Fragen des Lebens stellen. Das sind dann auch die Fragen, die man in der gesetzten Zeit und im vorgegebenen Umfang beantworten kann.

    So, der Anfang ist mit der Fixierung des Themas gemacht. Leichter wird es jetzt vermutlich nicht, aber vielleicht kann mein nächster Blogbeitrag weiterhelfen.

  • Passwortmanager

    Passwortmanager

    Im Blogbeitrag „Wohin mit den vielen Passwörtern?“ wurde die Möglichkeit von Passwortmanagern aufgezeigt, um unsere vielen digitalen Zugangsdaten zu verwalten.

    Wie funktioniert nun eigentlich ein Passwortmanager und welche Arten von Programmen gibt es?

    Die grundlegende Idee ist, dabei mehrere vertrauliche Datensätze, wie beispielsweise Passwörter, Zugangsdaten und Kreditkartendaten, abzulegen und durch ein einzelnes Passwort zu schützen. Dieses zentrale Passwort soll natürlich möglichst sicher sein und wird als Masterpasswort bezeichnet. Bei den Passwortmanagern wird zwischen Offline- und Online-Lösungen unterschieden.

    Online- oder Offline-Version?

    Eine Offline-Version greift auf eine Tresordatei zu. Diese Datei beinhaltet alle geheimen Einträge und ist verschlüsselt. Das Masterpasswort ist hierbei nötig, um die Entschlüsselung und damit den Zugriff auf die Datei zu ermöglichen.

    Probleme bei Offline-Varianten sind die Verfügbarkeit und der Transport der Tresordatei. Geht die Datei verloren oder ist sie aufgrund eines Speicherfehlers defekt, dann ist auch der Tresor mit allen darin befindlichen Daten verloren. Der Vorteil dieser Varianten ist gleichzeitig die nicht Online-Verfügbarkeit. Die Datei kann somit nur schwer entwendet oder angegriffen werden. Ein Beispiel für einen Offline-Passwortmanager ist das weit verbreitete Programm KeePass.

    Bei Online-Passwortmanagern wird der Tresor auf dem Server eines Cloudanbieters gespeichert. Das Masterpasswort wird für den Online-Login verwendet. Zusätzlich werden die Daten auch hier verschlüsselt, um unberechtigte Zugriffe zu verhindern. Dies geschieht meist durch einen zusätzlichen Sicherheitsschlüssel oder aber auch das Masterpasswort selbst.

    Ein Vorteil dabei ist, dass die Daten auf mehreren Geräten zugänglich gemacht werden können, ohne eine Datei austauschen zu müssen. Auch können einzelne Datensätze meist für andere Tresore freigegeben werden, um auch gemeinsame Zugänge zu nutzen. Der Nachteil ist hier ebenfalls der genannte Vorteil der Online-Verfügbarkeit. Hierdurch könnten Sicherheitslücken in Authentizität und Verschlüsselung zur Kompromittierung des Tresors führen und daher liegt deren Sicherheit im besonderen Fokus der Anbieter. So wird beispielsweise der zusätzliche Schlüssel meist dezentral am Endgerät abgelegt und dort durch das Masterpasswort gesichert. Die Daten sind somit auch bei Kompromittierung des Servers ohne den User-Schlüssel nicht nutzbar. Auch handelt es sich dabei meist um kostenpflichtige Angebote. Beispiele für ebenfalls weit verbreitete Online-Passwortmanager sind 1password und Dashlane.

    Wie ein sicheres und gleichzeitig gut zu merkendes Masterpasswort erstellt werden kann, lesen Sie in der Fortsetzung.

  • Netiquette – was liegt das pickt! Über den Umgang miteinander im virtuellen Raum

    Netiquette – was liegt das pickt! Über den Umgang miteinander im virtuellen Raum

    Die Kommunikation in virtuellen Lehr- und Arbeitsräumen ist schon eine besondere. Vielfältige Regelwerke für verantwortungsvolles Verhalten in digitalen Welten existieren bereits. Während die analog gesprochene Sprache synchron mit der Gestik und Mimik Gestalt annimmt, ist das geschriebene Wort asynchron. Verbale Kommunikation ist Dialog, geschriebene Kommunikation ist Monolog. Aber auch wenn man in einer Videokonferenz mit Bild und Ton teilnimmt, entsteht eine Form von Verzerrung, die das Gegenüber manchmal als nicht real wahrnimmt. In rein textuellen Online Kommunikationen fehlt auch das. Wenn wir schreiben, erhalten die anderen unsere Gedanken und Meinungen quasi Second Hand über die Hand.

    Wie aber bringt man zum Ausdruck, dass etwas verstanden wurde oder aber, dass etwas nicht in Ordnung ist? Der Verlust von Stimmlage und Gestik und Mimik wird zum Teil durch Emojis wettgemacht. Im wissenschaftlichen Kontext ist dies allerdings schwieriger. Was darf, kann oder soll sein? Was geht gar nicht? Wie schaffen wir es als Initiator_in virtueller Kommunikation auch Feedback zu erhalten? Wie wissen wir, ob wir richtig gehört und verstanden wurden?

    Is anybody out there?

    Es gelingt vielen von uns manchmal ungleich schwerer, sich im Rahmen einer Online Diskussion oder eines Chats oder in Foren zu melden. Um Reaktion und Interaktion im virtuellen Raum möglich zu machen, sollte eine angenehme Atmosphäre für alle geschaffen werden. Eventuell ist ein spielerischer Zugang ein Türöffner, um in weiterer Folge die Kommunikation anzukurbeln. Ein kurzer aktivierender Film kann den Einstieg erleichtern.  Virtuelle Kommunikation erleichtert aber auch den Drift in die Anonymität, macht das Vis-à-Vis oft unsichtbar oder auch unbekannt. Dies kann schnell zu Missverständnissen führen.

    Regeln – der Haltegriff zum Umgang miteinander

    Damit virtuelle Kommunikation Fahrt aufnehmen kann, sind Vertrauen und klare Regeln wichtige Grundlagen. Ein achtsamer Umgang fördert das Gelingen von Kommunikation und so kann ein virtueller Austausch auch friktionsfrei gestaltet werden.

    An der FernFH leben wir diesen respektvollen Umgang miteinander. Wir kommunizieren diese Netiquette auch an unsere Studierenden. In jeglicher Form der Kommunikation sollten wir bedenken, dass auf der anderen Seite auch ein Mensch sitzt. Der 3-Sprung „erst denken, dann schreiben, dann posten“ ist die Grundlage. Diskussion ja, Konflikt nein. Wir freuen uns über den Diskurs zu unterschiedlichen Thematiken, sind jedoch vorsichtig mit Humor und Sarkasmus. Wir sind große Freunde des Urheberrechts. Zitate sowie Quellen von Video- und Bildmaterial sind ein wichtiger Bestandteil der wissenschaftlichen Kommunikation. Wir achten das geistige Eigentum anderer.

    Folgen wir diesen einfachen Regeln, schaffen wir einen Kommunikationsraum, der für alle angenehm ist und werden der Netiquette gerecht. Denn was liegt, das pickt. Diese österreichische Grundregel beim Kartenspiel, dass eine abgelegte Karte nicht wieder retour genommen werden kann, hat in der virtuellen Kommunikation durchaus auch seine Berechtigung. Play fair! Fair Play!

  • Diversität ist uns wichtig: Gender und Diversity Online-Workshop

    Diversität ist uns wichtig: Gender und Diversity Online-Workshop

    Der FernFH ist Diversität wichtig. Dies ist fest in unseren Werten und der Satzung verankert. Daher sind auch alle Mitarbeiter_innen angehalten, einen Online-Workshop zum Erwerb von Gender- und Diversitätskompetenzen zu besuchen. Nicht nur für unsere Mitarbeiter_innen gibt es dieses Angebot, auch für unsere Studierenden und Absolvent_innen haben wir einen Online-Workshop zur Steigerung der Gender- und Diversitätskompetenz entwickelt. Dies soll uns allen helfen, ein offenes und diversitätsgerechtes Klima an den FernFH zu etablieren.

    Was passiert im Online-Workshop?

    Natürlich findet dieser Workshop – wie an der FernFH üblich – online statt. Es gibt ein Online-Kick-off-Meeting und danach können die Teilnehmer_innen völlig orts- und zeitunabhängig teilnehmen. Das hat den Vorteil, dass alle in ihrem eigenen Tempo lernen und Aufgaben abgeben können. Ganz wie unsere Studierenden in den Studien- und Lehrgängen.

    Im Online-Workshop werden grundlegende Kenntnisse zu Gender und Diversität vermittelt. Im Prinzip geht es darum, dass mehr Wissen im Bereich Gender und Diversität auch das Verständnis und die Bedürfnisse der unterschiedlichen Gruppen fördert. Daher werden zu Beginn Begriffe zum Thema erklärt, wie zum Beispiel was „gender“ im Gegensatz zu „sex“ bedeutet oder was unter Intergeschlechtlichkeit verstanden wird. Dann werden Zahlen und Fakten zu den verschiedenen Diversitätsdimensionen berichtet und diskutiert. Auch rechtliche Grundlagen in Bezug auf Diversität werden erläutert, aber auch wünschenswerte rechtliche Änderungen wie das „Levelling-up“ haben ihren Platz. Im Anschluss werden historische und aktuelle Aspekte vorgestellt und theoretische Konzepte bleiben nicht nur in der Theorie, sondern werden in die Praxis überführt. Abschließend wird die Anwendung der erlernten Gender- und Diversitätskompetenz im Arbeitsalltag diskutiert und trainiert.

    Während der 6-wöchigen Laufzeit wird jede Woche ein Modul bearbeitet. Jedem Modul liegt ein Kapitel des Studienhefts zu Grunde. Das Wissen wird außerdem über vielfältige Methoden im Online Campus (z.B. Diskussion, Reflexionen, Rechercheaufgaben, Videos, Selbsttests, usw.) vermittelt. So reflektieren die Teilnehmer_innen zum Beispiel über ihre eigene Diversität und was diese für sie bedeutet. Je nachdem wie viele Aufgaben und Übungen erbracht werden, erhalten die Teilnehmer_innen eine Teilnahmebestätigung oder ein Zertifikat. Für den Erhalt eines Zertifikats liegt der Arbeitsaufwand bei 22 Stunden.

    Manchmal sind Diskussionen zu Gender und Diversität sehr emotional und wertgeladen. Hier heißt es in der Moderation mit Fingerspitzengefühl vorzugehen. Daher wird der Online-Workshop von unserer Lehrenden Roswitha Hofmann, die auch eine erfahrene Trainerin in Sachen Gender und Diversität ist, geleitet. Ich unterstütze sie bei der Moderation.

    Welche Erfahrungen wurden mit dem Online-Workshop schon gemacht?

    Durch den Online-Workshop erwerben die Mitarbeiter_innen der FernFH Gender- und Diversitätskompetenz. Und ein positiver Nebeneffekt ist, dass sie auf diese Weise Fernlehre am eigenen Leib erfahren. Sie übernehmen also einmal die Perspektive unserer Studierenden und erhalten einen Einblick, wie es Fernstudierenden so geht. Nicht selten wird von den Neo-Fernstudierenden um die Verlängerung einer Deadline oder um eine weitere Abgabemöglichkeit gebeten. 😊 Der Online-Workshop fördert also auch das Verständnis unserer Mitarbeiter_innen für die Situation unserer Studierenden.

    Was sagen die Teilnehmer_innen?

    Die zeitlichen Ressourcen waren für mich ein großes Thema. Neben der Arbeit noch Zeit zu finden und in das Thema einzutauchen war für mich sehr schwierig. Meine Bewunderung für unsere Studierenden steigt noch mehr.

    Die Übungen waren sehr praxisorientiert und lehrreich. Man konnte auch sehr viel über sich selbst erfahren und seine eigenen Einstellungen reflektieren.

    Wann finden die nächsten Online-Workshops statt?

    Bisher wurde der Online-Workshop insgesamt fünf Mal für unsere Mitarbeiter_innen durchgeführt, wobei bei den letzten Durchgängen auch Mitarbeiter_innen anderer österreichischer FHs teilnehmen durften. Letzten Herbst ist der erste Online-Workshop für unsere Studierenden und Absolvent_innen veranstaltet worden. Auch diesen Herbst gibt es für unsere Studierenden und Absolvent_innen wieder die Möglichkeit, ihre Gender- und Diversitätskompetenz in einem Workshop zu erweitern. Für unsere Mitarbeiter_innen findet im Frühjahr 2021 der nächste Online-Workshop zur Steigerung der Gender- und Diversitätskompetenz statt. Als Gender- und Diversitätsbeauftragte der FernFH würde ich mich natürlich sehr freuen, auch heuer wieder viele Teilnehmer_innen bei den Online-Workshops begrüßen zu dürfen.

    Weiterführende Links

    Blogbeitrag: Queer an der FernFH – Wen geht das etwas an?

  • Studienstart und der Delay of Gratification: Wo ein Wille ist, da ist auch ein Marshmallow mehr!

    Studienstart und der Delay of Gratification: Wo ein Wille ist, da ist auch ein Marshmallow mehr!

    Im kommenden Wintersemester werden wir wieder unsere neuen Studierenden an der FernFH begrüßen dürfen. Sie alle haben sich einem mehrstufigen Aufnahmeprozess unterzogen, der auch intensiv vorbereitet werden musste. Berufsbegleitend flexibel zu studieren, wie es die FernFH in den Studien- und Lehrgängen anbietet, bedeutet auch, dass man sich der Einschränkungen bewusst wird, die in den kommenden Semestern mehr oder minder intensiv auftreten werden. Sich einen Hochschulabschluss als Ziel zu setzen, bedeutet für jede und jeden in gewisser Weise auch andernorts zurückstecken zu müssen. Sei es in der Freizeitgestaltung, bei familiären Angelegenheiten oder aber auch im Freundeskreis.

    Dabei ist das System ganz einfach: Will ich etwas erreichen, muss ich dafür etwas tun. Vielleicht ist es deshalb auch ganz gut, dieses „etwas tun“ nicht als negativ zu konnotieren.

    Am Anfang war die Strategie

    Wie schaffen wir es, im Moment oder für eine längere Zeit zu verzichten, um dann später mehr zu erhalten? Da war doch der Marshmallow Test?  Das Belohnungsaufschub-Paradigma erklärt, dass wenn ich auf eine sofortige Belohnung oder auch Befriedigung eines Bedürfnisses verzichte, ich zu einem späteren Zeitpunkt eine höherwertige Belohnung erhalte (Mischel & Mischel, 1973, S. 257; Mischel, 1968, S. 81 ff.). In Studien zeigte sich, dass die Fähigkeit zum Belohnungsaufschub den zukünftigen akademischen Erfolg vorhersagen lässt.

    Der Academic Delay of Gratification definiert die Fähigkeit von Studierenden, aktuellen Impulsen und Ablenkungen nicht nachzugeben und den Fokus auf den zukünftigen akademischen Erfolg auszurichten (vgl. Bembenutty & Karabenick, 1997). Die Autor_innen fanden heraus, dass die Willensintension gepaart mit selbstregulierenden Maßnahmen maßgeblich am akademischen Erfolg beteiligt sind.

    Tools die helfen…(und kollegiale WissBlog-Beiträge, die das thematisieren)

    Innerhalb der kommenden Semester ist selbstreguliertes Lernen sicherlich der Aspekt der den Bogen über alle vermittelten Inhalte spannt. Dabei geht es auch darum, eine Work-Life-Learn Balance zu halten, die einen positiven Abschluss möglich macht. Diesen Spagat zu schaffen ist nur temporär, das ist schon mal ein positiver Aspekt. Und die Erfahrung hat gezeigt, dass es viele Strategien gibt, die Sie sich zurechtlegen können, um den positiven Abschluss auch wirklich in die Tasche zu stecken.

    Selbstreguliert heißt nicht, allein über den Büchern zu brüten und sich Wissen anzueignen. Das Studium und die Aufbereitung der Lerninhalte bieten eine Fülle von Möglichkeiten der Interaktivität. Die Lehrenden bieten Sprechstunden und Foren für Fragen, die Peergruppen fördern den Austausch und Diskurs zu den Themen und virtuelle Meetings fördern Kooperation. Darüber hinaus werden Videos, Quizze und auch interaktive neue Tools zur Vertiefung angeboten.

    Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, gehen Sie mit Herz und Hirn an das Studium heran, schaffen Sie sich Lernzeiten und Reflexionszeiten, seien Sie in diesen Phasen aktiv. Ein Stundenplan wie aus der Volksschule kann hier wertvolle Hilfestellung bieten. Planen Sie auch OFF-Zeiten ein und das ohne schlechtes Gewissen. Sie tun gut! Und lassen Sie sich die größere Menge Marshmallows, die später folgen, schmecken. Auch wenn diese vielleicht nur als Platzhalter für andere Belohnungen hinhalten dürfen. Es lohnt sich!

    Literatur:

    Bembenutty, H.& Karabenick, S. (1998). Academic delay of gratification. Learning and Individual Differences, 10(4), 329–346.

    Mischel, Harriet N./Mischel Walter (1973). Readings in Personality. New York: Holt, Rinehart and Winston.

    Mischel, Walter (1968). Personality and Assessment. New York: Wiley.

    Mischel, W., Shoda, Y., & Peake, P. K. (1988). The nature of adolescent competencies predicted by preschool delay of gratification. Journal of Personality and Social Psychology, 54(4), 687–696

    Online: https://www.youtube.com/watch?v=jQvBrEEYS20&feature=youtu.be (Abruf am 04/08/20)

  • Wohin mit den vielen Passwörtern?

    Wohin mit den vielen Passwörtern?

    Heutzutage kommt kaum jemand daran vorbei mehrere digitale Zugänge zu haben. Sei es Mail, der eigene PC, Social-Media-Profile, Smartphones, Onlineshops, Online-Zeitungen, Lernplattformen 😉 und vieles mehr. Für jeden Zugang wird dabei ein Username, eine E-Mailadresse aber natürlich auch ein Passwort benötigt.

    Aber wie kann ich mir die vielen Zugänge und Passwörter überhaupt merken?

    Jeder entwickelt sein eigenes System und es kursieren auch viele, mal bessere und mal schlechtere Tipps im Internet, im Bekanntenkreis, der Firma, durch IT-Spezialisten, usw.

    Die einfachste Lösung ist natürlich überall die selben Zugangsdaten zu verwenden. Aber ist das dann sicher? Nein, ist es nicht. Denn sobald einer der vielen Anbieter das Passwort verliert, sind auf einmal alle Zugangsdaten aller anderen genutzten Dienste auch bekannt. Wenn beispielsweise einer der Onlineshops, in denen ich registriert bin, eine Sicherheitslücke hat und die darin gespeicherten Passwörter verliert, können sich potentielle Angreifer*innen auch in meinem Mailaccount und alle weiteren Zugänge einloggen. Rückschlüsse auf den Mailaccount lassen sich sehr leicht finden und gerade dieser Zugang ist einer der sensibelsten.

    Um dies zu vermeiden wird meistens empfohlen für jeden Account ein anderes Passwort zu verwenden. Hier gibt es viele Anleitungen, wie mit Eselsbrücken ein variabler Teil des Passworts getauscht wird und ein Teil immer gleich bleibt. Auch das ist nicht optimal, da viele dieser Eselsbrücken reproduziert werden können, und der fixe Passwortanteil zumindest schnell bekannt oder leicht herzuleiten ist. Auch wird es ab hier schon schwierig, sich Passwort und Eselsbrücken zu merken.

    Ein einzelnes Passwort wäre einfacher.

    Wenn ein Passwort verloren wird, ist es sehr aufwändig alle zu ändern. Manche Services verlangen dies ohnehin regelmäßig. Passwörter dürfen dann nicht ähnlich sein, und damit funktionieren Eselsbrücken meist nicht mehr.

    Die Lösung sind Passwortmanager.

    Die beste Möglichkeit wäre also ein System mit nur einem Passwort, welches ich mir merken muss. Jedoch mit individuellen Passwörtern je Dienst, die ich mir dann nicht mehr merken muss. Diese sollen leicht zu ändern sein, voneinander unabhängig und ohne Eselsbrücken erstellt werden. Aber wie funktioniert das?

    Die Lösung sind Passwortmanager. Dabei handelt es sich um Programme, mit denen beliebig viele Zugänge gespeichert werden können. Meist übernehmen diese dann auch gleich automatisch den Login in der jeweils betreffenden Anwendung oder Webseite und sorgen für den Austausch der Passwörter bzw. generieren diese in der gewünschten Komplexität. Gemerkt muss dabei lediglich ein Passwort werden: das mit dem der Passwortmanager selbst geschützt ist. Natürlich muss gerade dieses Passwort dann umso besser geschützt werden und sicher sein. Dafür gibt es inzwischen sehr gute Möglichkeiten.

    Es gibt viele verschiedene solcher Passwortmanager oder -tresore und sie kommen als Online-Version, USB-Stick und auch als lokal installierte Programme vor. Über die Arten der Passwortmanager, ihre Vor- und Nachteile, und wie ein sicheres und leicht zu merkendes Haupt-Passwort erstellt wird, lesen Sie in der Fortsetzung.

  • Schafft Distance Learning mehr Chancengleichheit?

    Schafft Distance Learning mehr Chancengleichheit?

    Martha B. sitzt vor ihrem Computer irgendwo in den Tiroler Bergen und absolviert eine Online-Prüfung. Die Kinder hat sie ins Nebenzimmer verbannt. Herbert R. sitzt in seinem Rollstuhl im Büro eines Rundfunksenders. Er hat gerade Mittagspause und liest seine Seminararbeit nochmal durch. Elisabeth K. sitzt im Zug und lässt sich mit einem Audio App ihre Studienhefte vorlesen. Sie ist auf dem Weg zur Beratungsstelle des Sehbehindertenverbands um sich Tipps für ihr neues Bildschirmlesegerät zu holen.   

    Das sind nur wenige Beispiele für Lebenssituationen, in denen ein traditionelles Studium nicht in Frage kommt.

    Viele potenzielle Studierende: 

    • leben nicht in der Nähe von Hochschulzentren und können neben dem Beruf auch nicht dreimal abends und am Wochenende zu ihrer FH fahren.
    • sind chronisch krank oder leben mit einer Behinderung oder sprechen nicht perfekt Deutsch.
    • bevorzugen sich selbstgesteuert und zeitlich unabhängig ihren Studien zu widmen.
    • müssen arbeiten und haben zudem Betreuungspflichten für Kinder oder andere Personen.

    JA! Ein Fernstudium kann tatsächlich Bildungsbarrieren abreißen

    Flexibilität und die Öffnung der Hochschulen für nicht-traditionelle Studierende sind spätestens jetzt nicht mehr nur Schlagworte oder das Thema für innovative Bildungsprojekte (Beispiel Deutschland: „Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen“). Auch die österreichischen Hochschulen haben seit Beginn der COVID-19-Zeit vielfach gezeigt: Es ist gut möglich, Studieren über das Internet zu ermöglichen und es gelingt unter anderem, Mobilitätseinschränkungen zu überwinden. Aber kann die Abwicklung des Studiums im Internet, die Angebote von Distance-Learning und „Home-Studying“ auch tatsächlich bei der Beseitigung gesellschaftlicher Ungleichheit helfen, wenn wir genauer hinsehen?

    NEIN! Flexibilität und Öffnung sind notwendig, aber lange noch nicht ausreichend

    Im Rahmen der COVID-19-Aktivitäten wurde rasch klar, dass viele soziale Probleme und strukturelle Benachteiligungen sogar verstärkt werden können. So zeigte sich, dass Home-Studying und Home-Schooling die bestehende Benachteiligung von Frauen sogar verfestigt und zu Überlastung führt, weil „nebenbei“ noch Hausarbeit und Kinderbetreuung zu schaffen sind (vgl. Studie der WU Wien). Auch werden Leute benachteiligt, die nicht genug Geld in modernste Ausrüstung und eine fette Breitbandversorgung investieren können (ein noch größeres Thema in vielen Ländern außerhalb Europas) und es gibt viel Nachholbedarf bei den digitalen Kompetenzen: Viele, und es sind keinesfalls nur „die älteren Personen“, brauchen Unterstützung, um mit den Medien im Distance-Learning überhaupt zurecht zu kommen.

    Was sind Pflastersteine auf dem Weg zur Chancengleichheit?

    • Der Fokus liegt auf der Vielfalt konkreter Bedürfnislagen von Studierwilligen (mehr dazu im Blogbeitrag von Ingrid Wahl) bei der Gestaltung neuer Studienangebote und der Online-Lehre
    • Es werden mehr asynchrone und weniger synchrone Lehreinheiten angeboten – also weniger “same time & same place”-Lehre
    • Lerninhalte werden über verschiedene Kanäle zugänglich gemacht (Texte, Video, Audio, usw.), denn die Technologie darf nicht der neue Treiber für Ungleichheit sein. Ein störungsanfälliger Livestream soll lieber durch Texte und andere datensparende Alternativen begleitet oder gar ersetzt werden.  
    • Lebendiger Austausch und Dialog, die unmittelbare Beantwortung von Fragen und mehr Mut zu „altmodischen“ Texten statt eindimensionaler Videos (ohne Transkript), abgefilmte Präsenzvorlesungen und besprochene Powerpoint-Folien, in denen sich Lehrende schulmeisternd positionieren.
    • Persönliche Treffen haben einen zentralen Stellenwert und Räume für die persönliche und reale Begegnung sind fixer Bestandteil des Blended Learning (mehr dazu im Blogbeitrag von Herbert Schwarzenberger).
    • Studienzeiten sind flexibel: Es soll (wieder) möglich sein, so schnell oder so langsam wie erforderlich zu studieren, Pausen einlegen zu dürfen, die schon mal einen Monat dauern, weil das Kind gerade in der Trotzphase steckt und die Oma krank ist.
    • Ein laut hörbares politisches JA zu mehr bundesgeförderten Fernstudienplätzen, denn das „Ja“ zur Umsetzung von E-learning an den Hochschulen greift eindeutig zu kurz. Das zeigt sich etwa ganz deutlich in dem Ausmaß, in dem individualisierte und zeitlich flexible Angebote im Online-Studiensektor auf den privaten Bildungsmarkt ausgelagert werden: Also dahin, wo finanzielle Hürden erst recht wieder Ungleichheit schaffen.

    Bleiben wir also auch nach der COVID-19- und „emergency remote teaching“-Zeit dran am Blended Learning, auch wenn die Hochschulen ihre physischen Türen vielleicht bald wieder weit aufmachen. Es geht um die Entwicklung neuer Formen des Lernens und Lehrens abseits der Notfallszenarien, in denen Chancengleichheit und akademische Bildung für alle nicht nur Schlagworte sind.

  • Was können wir vom Distance Learning in der Schule lernen?

    Was können wir vom Distance Learning in der Schule lernen?

    Im Zuge der Maßnahmen zur Eindämmung von SARS-Covid2 war es erforderlich den Schulbetrieb innerhalb weniger Tage von der Präsenz- in die Fernlehre zu verlagern. Inzwischen sind drei Monate vergangen und seit 18. Mai werden die Schüler_innen der Volks- und Unterstufe zumindest an manchen Tagen wieder vor Ort unterrichtet.

    Ich könnte jetzt einen langen Bericht darüber schreiben, wie es mir als Mutter in dieser Zeit des Distance Learning Schulbetriebs ergangen ist. So ein „Rant“ würde zwar meiner psychischen Gesundheit guttun, der Nutzen für Sie wäre aber vermutlich überschaubar.

    Viel mehr möchte ich meine Reflexionen aus der Perspektive einer Hochschullehrenden, die sich seit über acht Jahren mit Distance Learning beschäftigt hier teilen. Ein besonderes Augenmerk möchte ich darauflegen, was wir in der Online-Hochschullehre von der Schule lernen können:

    1. Strukturierung

    Eine goldene Regel im Distance Learning an der Hochschule ist, dass die Studierenden von Beginn der Lehrveranstaltung an, alle Arbeitsaufträge, die Sie für diese LV erfüllen sollen, genau kennen. Besonders für Studierende, die berufsbegleitend studieren, ist das wichtig, um sich die Zeit einteilen zu können.

    In der Schule hingegen verhält es sich anders: Die Arbeitsaufträge müssen gut portioniert sein. Je jünger die Kinder, desto kleinere Einheiten sind hier erforderlich. Auch der Planungshorizont ist ein anderer. Meine Erfahrung war, dass große Arbeitsaufträge, für die sie mehr als eine Woche Bearbeitungszeit hatten, leicht vergessen wurden. Zwar lernten die Kinder dadurch To-Do-Listen mit Abgabedaten zu erstellen, was wiederum Meta-Kompetenzen wie Organisationsfähigkeit förderte, vor allem aber anfangs war viel Unterstützung der Eltern erforderlich. Kleinere Portionen hingegen förderten die Motivation und gaben den Kindern leicht und rasch Erfolg, was sich positiv auf die Stimmung und die Arbeitsdisziplin auswirkte.

    Das Learning für Distance Learning in der Hochschule:

    Die goldene Regel gebe ich nicht auf. Aber kleinere Portionen an Arbeitsaufträgen verhelfen auch Studierenden zu schnellen Erfolgen und damit Motivation, wie auch schon Ingrid Wahl hier beschrieben hat. Die weitaus größere Selbstorganisationsfähigkeit und Flexibilität bei Erwachsenen hingegen ermöglicht mehr Spielraum bei größeren und längerfristigen Arbeitsaufträgen.

    2. Feedback

    Wir alle wissen: Spezifisches und möglichst individuelles Feedback ist für unsere Studierenden besonders wichtig. Was ich aber bei meinen Kindern im Distance Learning noch gelernt habe: Rasches Feedback ist noch wichtiger. Rasches Feedback auf Abgaben hatte einen großen Einfluss auf die Motivation der Kinder. Der Arbeitsaufwand für Lehrer_innen mit mehr als 25 Schüler_innen in einer Klasse und mehreren Klassen ist natürlich immens. Hier zeigte sich für mich jedoch, dass das konkrete Feedback weniger wichtig war, sondern eine rasche Rückmeldung verbunden mit aufmunternden Worten als Anerkennung für die erbrachte Leistung gut wirkte. Die Korrektur und Verbesserungshinweise können dann später nachgeliefert werden.

    Das Learning für Distance Learning in der Hochschule:

    Auch in der Hochschullehre können wir rasches kurzes Feedback geben, das gibt Anerkennung für die Leistung und fördert die Motivation. Das detaillierte und spezifische Feedback kann zu einem späteren Zeitpunkt nachgeliefert werden, spätestens jedoch rechtzeitig für die Prüfungsvorbereitung.

    3. Etablieren & Pflegen der sozialen Beziehung

    Das war ein großes Problem für die Kinder: die sozialen Beziehungen zu den Klassenkolleg_innen und den Lehrer_innen während der geschlossenen Schule fehlten komplett. Mit der Zeit begannen dann die ersten Lehrer_innen mit Chats und Webkonferenzen und diese direkte Interaktion schaffte wieder eine stärkere Bindung in der Klassengemeinschaft. Auch schriftliche Chats mit Small Talk waren hier sehr hilfreich. Aufmunternde Worte von Lehrer_innen lockerten die Kommunikation, die anfangs ausschließlich von Arbeitsaufträgen geprägt war, auf.

    Das Learning für Distance Learning in der Hochschule:

    Dem Small Talk und der sozialen Kommunikation genügend Zeit und Raum geben. Die Kommunikation sollte nicht immer nur auf organisatorische und fachliche Aspekte fokussiert sein. Für den Lernerfolg ist die soziale Beziehung zu den Lehrenden und den Kolleg_innen ebenso wichtig. Auflockernde und aufmunternde Worte in Webkonferenzen oder schriftlichen Chats wirken einfach und schnell.

    Learning für Distance Learning in der Schule:

    Gruppenarbeiten, wie sie bei uns an der FernFH viel eingesetzt werden, stärken ebenfalls die sozialen Beziehungen zu den Klasssenkolleg_innen. Virtuelle Gruppenmeetings und Gruppenchats ohne Lehrer_in entlasten die Lehrer_innen und fördern die Zusammenarbeit in der Klasse.

    4. Technische Ausstattung & Support

    Wie wichtig dieser Aspekt ist, hat diese Zeit wieder gezeigt. Sowohl bei den Lehrer_innen als auch bei den Schüler_innen musste die technische Ausstattung erst aufgebaut werden. In vielen Schulen haben die Lehrer_innen nur wenig technischen Support. Zu Hause kann man auch nicht davon ausgehen, dass jedes Kind ein entsprechendes Endgerät hat und Eltern, die damit umgehen können. Ohne dieser Ausstattung ist es aber wirklich sehr schwierig.

    Die Rolle der technischen Ausstattung und des Supports in der Online Lehre habe ich an dieser Stelle schon einmal erwähnt. Inzwischen hat die Regierung auch reagiert und kündigt hier Verbesserungen in den Schulen an.

    Das Learning für Politik und Schulverwaltung:

    Dieser Aspekt ist für alle Kinder und Lehrer_innen bereits in der Volksschule enorm wichtig. Ausstattung und Support müssen für ein gelingendes Distance und E-Learning in den Schulen unbedingt ausgebaut werden.

    Strukturierung, Feedback, Pflegen der sozialen Beziehung und die technische Ausstattung, das sind jene Faktoren aus der Zeit der Home Schooling Phase, die ich abgesehen von der persönlichen Überforderung und Überlastung für meine berufliche Tätigkeit mitnehmen konnte.

    Lassen Sie mich wissen, welche Erfahrungen Sie als Absolvent_in, Studierende_r, Kolleg_in und auch Interessent_in der FernFH als Eltern in dieser Zeit gemacht haben. Ich freue mich auf Ihre Kommentare!

  • Wer hat´s erfunden? Auch abseits von Ricola eine gute Frage.

    Wer hat´s erfunden? Auch abseits von Ricola eine gute Frage.

    Einigen von Ihnen mag die Werbekampagne aus den 90igern des Schweizer Kräuterzuckerlherstellers noch in Erinnerung sein. Die Kampagne mit dem Slogan „Wer hat´s erfunden?“ ging um die Welt und entbehrte nicht einer gewissen schweizer Ironie. Aussagen wie diese und viele andere Zitate gibt es zuhauf. Ich möchte mit Ihnen gerne meine Gedanken zu diesem Thema teilen, da Zitate in der Lehre durchaus häufig vorkommen und auch die eine oder andere Seminar- oder Abschlussarbeit zieren.

    „Etwas falsch zu machen, ist einfach nur eine Möglichkeit etwas zu tun.“ Dieser Satz stammt angeblich von Katharine Graham, Verlegerin 1917-2001. Im Englischen ist diese Aussage unter „A mistake is simply another way of doing things.“ zu finden.

    Wenn diese Zeilen zeitlich verortet werden, dann erhalten sie einen ganz anderen Bedeutungshorizont. Graham war Journalistin und Verlegerin in Amerika. In der Zeit der Watergate Affäre war sie Herausgeberin der Washington Post. Die missbräuchlichen Amtsgeschäfte der damaligen US-Regierung zwangen Präsident Nixon zum Rücktritt. Und dieser hatte offensichtlich in seiner Regierungszeit ein paar Entscheidungen getroffen, die nicht die richtigen waren.

    Die große Welt der „weisen“ Worte…

    Sinnsprüche und Zitate werden sintflutartig auf Webseiten, Kalendern, Grußkarten und ähnlichem angeboten und präsentiert. Sehr oft auch mit den vermeintlichen Autor_innen angeführt. Es ist häufig nicht so einfach, dies auch zu verifizieren.

    Schon damals sagte…

    Wer kann schon überprüfen, ob Konfuzius wirklich folgende Aussage getätigt hat: „Wer einen Fehler gemacht hat und ihn nicht korrigiert, begeht einen zweiten.“ Dieser Satz ist ein „Allerweltsatz“ der von vielen Personen stammen könnte. Konfuzius war chinesischer Philosoph und Begründer des Konfuzianismus. Von ihm selbst sind keine Niederschriften überliefert. Die Herkunftsüberprüfung bleibt somit vage. Familie, Staat und Gemeinschaft geben den Rahmen für moralisch und sittliches Verhalten im Konfuzianismus vor. Es ist vielmehr eine Haltung als eine Religion. Vielleicht war es der Fehler von Konfuzius, nichts niederzuschreiben.

    Wenn also nun diese beiden Aussagen verglichen werden und die zeitliche Verortung ebenfalls in Betracht gezogen wird, dann entsteht ein Verständnis für den jeweiligen Inhalt und eine mögliche neue Form der Interpretation.

    Vieles im Studium und Wissenserwerb ward schon mal gesagt…

    Im Laufe eines Studiums ist es notwendig und sinnvoll, mitunter auch freudvoll, unterschiedliche Theorien kennenzulernen, zu untersuchen oder mit selbstformulierten Beispielen anschaulicher darzustellen. Dabei sollten wir uns auch immer die zeitliche Verortung vor Augen führen. Jede Zeit hat Ihren Bildungshorizont und manche Hypothesen, die zu Thesen wurden, gelten heute als wiederlegt, weil weiterführende Forschung und eingehende Überprüfung neue Erkenntnisse geschaffen haben. Sie waren nicht falsch, sie waren zeitadäquat. Einige halten sich und bleiben gültig. Prüfen und verorten Sie! Das nicht zu machen, wäre falsch. Und im Übrigen hat Katharine Graham noch einige ganz nette Aussagen getätigt.

    PS: Das Bild der „rostigen Beisszange“ stammt aus dem Donaupark und ist Teil der Skulputur „The golden calf – monument of technology“ , erfunden hat sie Karl Anton Wolf.

    brainquotes://www.brainyquote.com/authors/katharine-graham-quotes , Ricola