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  • Queer an der FernFH – Wen geht das etwas an?

    Queer an der FernFH – Wen geht das etwas an?

    Die Antwort auf diese Frage ist kurz: Niemanden! Niemanden geht es etwas an, was unsere Studierenden, Lehrenden und Mitarbeiter_innen zu Hause machen und mit wem sie es machen! Und dennoch ist es wichtig, dass alle Lebens- und Liebensformen akzeptiert und anerkannt werden – auch an der Hochschule. Dazu gehört auch, dass sich niemand vor einem (unbeabsichtigten) Outing fürchten muss, weil zum Beispiel Partner_innen bei einer Videokonferenz durchs Bild laufen oder man in der Präsenzphase nicht erzählt, welches einschlägige tolle Buch man gerade gelesen hat (Warum sollte man das kennen? Warum interessiert einen das Thema überhaupt? usw.). Diese Angst haben die 28 % der in Ausbildung befindlichen queeren Jugendlichen (großteils Studierende; IHS, 2015), die in einer Umfrage angeben, dass sie in ihrer Ausbildung nicht geoutet sind.

    Wie ist das an der FernFH?

    Auch Angehörige der FernFH haben neben einer unterschiedlichen Herkunft, eines unterschiedlichen Alters, einer unterschiedlichen Religion usw. eben auch unterschiedliche Geschlechtsidentitäten und eine unterschiedliche sexuelle Orientierung. Das ist Teil unseres Fernstudienalltags und soll nicht tabuisiert werden, weil angenommen wird, dass Sexualität und Geschlecht im (Fern-)Studium nicht relevant sind und man darüber generell nicht redet. Wie schon in den Werten der FernFH nachzulesen ist, sehen wir „Diversität als Bereicherung und Inklusion als unseren Auftrag“.

    Was kann ich tun?

    Auch wenn es niemanden an der FernFH etwas angeht, gibt es bei uns Lesbische, schwule (Gay), Bi, Trans, Inter, Queere und alle anderen (*)(LGBTIQ*)-Identitäten. Wenn sich Studierende in ihrer Haut mit ihren unterschiedlichen Identitäten wohlfühlen und diese an ihrer Hochschule leben können, entfalten sie sich viel besser, können auch besser studieren und müssen sich nicht ständig Gedanken über ein Outing machen. Das gilt natürlich auch für Mitarbeiter_innen. Daher ist es einerseits wichtig, dass Angehörige der FernFH out & proud sein können und andererseits sehr hilfreich, wenn sie viele Verbündete, sogenannte Allies finden, die – ob queer oder nicht – für LGBTIQ*-Rechte einstehen. Das kann schon im Kleinen geschehen, indem man beim Sprechen und Schreiben nicht gleich davon ausgeht, dass alle ein eindeutiges Geschlecht haben oder heterosexuell sind. Oder indem in der Lehre Beispiele mit eindeutigem LGBTIQ*-Kontext verwendet werden. Oder indem man einfach mal einen Regenbogen-Ally-Button trägt oder bei der Fensterlparade am 13.6.2020 eine Regenbogenfahne aus dem Fenster hängt!

    Was gibt es zu queeren Themen an der FernFH?

    Letztes Jahr habe ich als Gender- und Diversity-Beauftragte der FernFH, gemeinsam mit meiner Kollegin Julia Nowotny und dem Gender und Diversity Ausschuss des Kollegiums, den Schwerpunkt LGBTIQ*-friendly FernFH gesetzt. In diesem Zusammenhang sind wir dem Netzwerk queer@hochschulen beigetreten, bei dem sich unterschiedliche LGBTIQ*-Hochschulgruppen gegenseitig unterstützen und gemeinsam Veranstaltungen organisieren (z.B. Filmabende, Workshops, PrideVillage, EuroPride, Global Pride). Zur Steigerung der Sichtbarkeit an der FernFH und als Zeichen der Solidarität wurde im Juni 2019 zum ersten Mal die Regenbogenfahne an unserem Standort Ferdinand Porsche Ring 3 gehisst und unser Social Media Auftritt wird heuer im Juni im Regenbogen-Design erstrahlen. Außerdem beantwortete Prof. (FH) Mag. Dr. Martin Gössl, der zu Inklusion und Diversität forscht, im Herbst 2019 die Frage „Warum ist die Sichtbarkeit von LGBTIQ* an Hochschulen wichtig?“ in einem Vortrag, den man jetzt noch online ansehen kann.

    Was ist die Quintessenz?

    Es geht zwar niemanden etwas an, was wir zu Hause machen und mit wem wir es machen, aber uns alle geht es etwas an, eine offene und tolerante Gesellschaft zu gestalten. So dass wir uns über alle tollen Bücher unterhalten können und es egal ist, wenn Partner_innen bei der Videokonferenz reinplatzen.

  • Open Book Prüfungen? Nicht nur bei Schummel-Paranoia angesagt

    Open Book Prüfungen? Nicht nur bei Schummel-Paranoia angesagt

    Prüfungen an den Hochschulen wurden in den letzten Monaten auf einen Schlag digitalisiert und online abgewickelt. Nicht ohne eine gehörige Portion an Schummel-Paranoia seitens konservativer Bildungsbehörden und der Fernlehrskeptiker_innen sowieso. Diverse Verordnungen, Richtlinien und Rückfragen seitens studienrechtlich verantwortlicher Stellen machen sichtbar, dass vielerorts scheinbar mehr und öfter darüber nachgedacht wird, wie das Schummeln von Studierenden verhindert und aufgedeckt werden kann, als darüber, wie sinnvolle Prüfungen und Prüfungsaufgaben erstellt werden können. 

    Procter Systeme – das Ausleuchten des Wohnzimmers mit der Kamera – audiovisuelle Überwachung und Analysen mittels Künstlicher Intelligenz sind beliebte Diskussionsthemen. Unweigerlich geistern da Erinnerungen an Foucaults Buch „Überwachen und Strafen“ durch meinen Kopf. Das kann doch nicht „Lernen und Prüfen“ im Jahr 2020 sein!

    Was Prüfungen betrifft ist es derzeit jedenfalls so: Wenn vorher Wissensüberprüfung vermeintlich streng kontrolliert werden konnte und die Aufsichtspersonen – bemüht neutral dreinblickend – durch die freien Reihen des Hörsaals patrouillierten, sitzen heute viele Studierende zuhause, vielleicht sogar mit ihrem Notebook im Doppelbett, neben dem Gitterbett im Schlafzimmer oder aber hoffentlich an ihren Schreibtischen im halbwegs ruhigen Arbeitszimmer, und legen online schriftliche Prüfungen ab. 

    Wie das möglich ist? Mit Open Book Prüfungen, einer Form der Prüfungsgestaltung, die bei innovativen Lehrenden schon lange einen fixen Platz in der Lehre haben. Weil sie sinnvoll sind. Sie zeigen, ob Studierende Fähigkeiten erworben haben, die über stures Pauken und Auswendiglernen weit hinausgehen. In Open Book Prüfungen wird nach Lösungen für realitätsnahe Problemstellungen gefragt, die nur entwickelt werden können, wenn Studierende über fundiertes Wissen verfügen und dieses auch eigenständig und kritisch miteinander vernetzen können. Logisch, dass dabei Nachschlagen in Büchern, Skripten oder Mitschriften in der Prüfungssituation zugelassen ist. Genauso, wie das im beruflichen Alltag der Fall wäre.

    Bei Open Book Prüfungen sind die erlaubten Hilfsmittel vorab festgelegt und allen bekannt. Studierende können eine solche Prüfung aber nur bestehen, wenn Sie das grundlegende fachliche Wissen, vielleicht sogar im Schlaf, abrufen könnten. Sollte aber ein Detail, eine Kleinigkeit, eine Formel für den Lösungsweg fehlen, dann ist es erlaubt diese Information rasch nachzuschlagen. Genauso, wie das im beruflichen Alltag der Fall wäre.

    Das ist auch die Grundidee von Open Book Prüfungen.

    Das Positive: Open Book Prüfungen befeuern eine neue Lehr-Lernkultur

    • Studierende werden und sollen sich nicht auf das auswendig lernen fixieren. Wenn man von fünf Elementen eines Modells eines nicht frei abrufen kann, ist das nicht tragisch. Das nimmt Angst und gibt Sicherheit.
    • „Bulimie-Lernen“ wird verhindert und Wissen wird langfristig abgespeichert: Wer kennt nicht das Phänomen, dass in der knappen Zeit kurz vor der Prüfung noch große Stoffmengen in das Hirn hineingestopft, bei der Prüfung einiges wieder ausgespuckt und schon nach ein paar Tagen das Wissen nicht mehr abgerufen werden kann?  
    • Studierende werden mehr am Verstehen arbeiten, sich stärker an den Lernzielen orientieren und fragen: Was sollte ich nach einer Lehrveranstaltung können? Und nicht: Was muss ich für die Prüfung wissen?
    • Lehrende werden ihre Aktivitäten und Aufgaben stärker nach den vereinbarten Lernzielen ausrichten. Zentraler Fokus wird, was die Studierenden am Ende der Lehrveranstaltung können sollen und nicht, welche Inhalte in diesem Fach unbedingt durchgenommen werden sollen.
    • Bereits diese wenigen Beispiele zeigen, dass allein eine Prüfungsmethode zu einer Veränderung im Lehr- und Lernprozess beitragen kann. Dazu will ich ein anderes Mal gern mehr berichten.

    Das Schwierige: Open Book Prüfungen verringern nicht den Lernaufwand und erfordern profundes Fachwissen

    Die Prüfungszeit ist beschränkt, aber vor der Prüfung ist viel mehr Zeit als in der Prüfung.

    Studierende dürfen jederzeit nachschauen, wenn Sie etwas nicht wissen. Und das ist auch die größte Falle, in die sie anfangs tappen. Wissensbestände nicht verknüpft, nicht hinterfragt, mit niemandem darüber geredet, niemals an einem Beispiel angewendet, niemandem erklärt und nicht verstanden? Dann wird die Zeit schon um sein, wenn die Beantwortung der ersten Frage gerade fertig ist. Nachschlagen kostet Zeit und der Umstand, dass es erlaubt ist, kann dazu führen, dass sich Studierende schlechter vorbereiten und weniger lernen. Dass sie dann bei Open Book Prüfungen schlechter abschneiden, zeigen leider auch neue Studien (zB. Rummer, Schweppe & Schwede, 2019).

    Antworten zu Open Book Prüfungsfragen sind nicht einfach an einem Ort in den Unterlagen, auch nicht im Internet zu finden.

    Genauso ist es in der beruflichen Praxis: klar kann man alles nachschlagen, aber ob das in der letzten Verhandlungsrunde mit einer wichtigen Firmenpartnerin oder bei der Präsentation angesagt ist, in der die Geschäftsergebnisse zur Sprache kommen, sei dahingestellt. Auch wer sich mit seinen Argumenten in vielfältigen Arbeitsituationen durchsetzen will, oder eine andere Person in einer konkreten Sache gut beraten will, muss auf eine Fülle von Wissen aus dem Stegreif zurückgreifen können; muss verschiedene Wissensbestände anzapfen und verknüpfen und auf ein bestimmtes Problem umlegen und Alternativen aufzeigen können. Ist das nicht gerade der Unterschied zwischen wissenden und gebildeten Menschen?

    Die Schwierigkeit von Open Book Prüfungsfragen ist hoch.

    Die Vorbereitung auf Open Book Prüfungen muss geübt werden. Es fällt Studierenden nach jahrelangem Üben des Auswendig-Lernens vermutlich leichter, eine Reihe von Fakten aus dem Gedächtnis abzurufen und aufzuzählen, als ein Modell konsequent an einem konkreten Beispiel logisch und nachvollziehbar zu erklären. Oder: Fünf Vokabeln in einer Fremdsprache zu lernen ist einfacher, als einen sinnvollen Text mit diesen fünf Wörtern zu schreiben. Ich habe nicht erst einmal von Studierenden gehört, dass Sie „normale Wissensprüfungen“ einfacher erleben als die Ausarbeitung von Aufgaben und Fallbeispielen im Rahmen immanenter Leistungsüberprüfungen. Auch die Lehrenden sind gefordert: Weder die Entwicklung der Prüfungsaufgaben noch die Korrektur der individuellen Lösungswege ist einfach und bedeutet erst einmal Umstellung und zusätzlichen Aufwand.

    Tipps zum Mitnehmen: Wie sich Studierende gut auf Open Book Prüfungen vorbereiten können

    Verstehe die Fakten zu den Erwartungen:

    • Welche Art von Fragen kommen zur Prüfung (MC-Fragen, Kurzantworten, Fallanalysen mit Wortbegrenzungen)? Wie viele Fragen kommen und wie umfassend sollen Antworten sein?
    • Wie lange habe ich insgesamt Zeit und welche Materialien darf ich verwenden? Müssen Quellen angeführt werden?

    Investiere in die perfekte Vorbereitung der Hilfsmittel:

    • organisiere Hilfsmittel mit System, um die gesuchten Informationen schnell zu finden: nach Kapitel, nach Themen, nach möglichen Anwendungsbeispielen 
    • Post-its nutzen und alle Bücher oder Skripten damit farbig bestücken
    • Schlüsselwörter im Text markieren oder Kommentare an den Rand schreiben

    Erstelle kompakte Zusammenfassungen der Inhalte:

    • Dinge, die man sich schwer merken kann und die man sonst auf Schwindelzettel schreibt
    • Handschriftliches Zusammenfassen wirkt übrigens zusätzlich lernförderlich! (Hotz, 2016)

    Nutze den positiven Testeffekt:

    • Wir lernen schneller, wenn wir uns selbst testen oder uns gegenseitig abfragen (Argawal et al, 2017): also lieber Quizzes und Karteikarten bearbeiten oder anderen Inhalte anhand eines Beispiels erzählen als den Text ständig wiederholen und lesen.

    Entspann Dich:

    • weil es nicht entscheidend ist, ob einem von 7 Sachen einmal nur 6 einfallen.
    • Genauso wie das im beruflichen Alltag der Fall ist!

    Quellen und Empfehlungen zum Weiterlesen:

  • Kollaboration – von Ameisen lernen

    Kollaboration – von Ameisen lernen

    Eliud Kipchoge lief am 12. Oktober 2019 die Marathonstrecke in Wien in weniger als 2 Stunden und betonte dabei immer wieder, dass es sich hierbei nicht um seine Einzelleistung handelt. Diese Story allein wäre einen eigenen Blogbeitrag wert. Aber was haben der kenianische Langstreckenläufer und Ameisen gemeinsam? Gar nicht so wenig, wie ich meine!

    Komplexe Herausforderungen im Ameisenstaat werden durch ein Miteinander möglich. Die scheinbar so verwundbaren Tiere schaffen es, hochkomplizierte Konstrukte zu bauen oder knifflige Aufgaben zu erledigen. Mit mathematischer und technischer Verliebtheit und Präzision. Dabei ist jede Einzelleistung genauso wichtig wie die Gesamtleistung und das Ziel, ein großes Projekt gemeinsam geschafft zu haben. Und dabei vollbringen sie oft Höchstleistungen.

    We all can break the impossible

    Im Arbeitsleben sind wir sehr häufig, vielleicht auch fast immer, ebenfalls auf kollaborative Arbeitsformen angewiesen. Umso wichtiger ist es, in der Lehre genau diese Fähigkeiten zu trainieren. Im virtuellen Rahmen der Fernlehre ist dem kollaborativen Arbeiten noch ein besonderer Aspekt anheim. Die Gruppenmitglieder und Teams kennen einander nur flüchtig und können sich zu Beginn nur erschwert auf die anderen Teammitglieder einlassen. Teambildungsmaßnahmen (#Worldcafé) sollten dies daher fördern und initiieren.

    Ist das Teambuilding einmal abgeschlossen, kommt es durchaus relativ rasch zu einer Rollenverteilung. Leader übernehmen und Struktur und Arbeitsabläufe werden in den Gruppen bestimmt.

    Multiplikator-Effekt nützen: Mehr schaffen mehr

    Prozess des Wissenszuwachses in einer kollaborativen Lerngruppe (Straub, 2001)

    Wo im Vorfeld das Wissen auf einzelne Studierende verteilt ist (Distributed Knowledge), wird durch den Austausch von Wissen eine Basis geschaffen, die es jeder und jedem ermöglicht, sein/ihr Wissen zu erweitern. Die Teilhabe am Wissen anderer erweitert somit das eigene Wissen. Diesen Austausch und Erweiterungsprozess nennt man auch Grounding. Am Ende verfügen alle Teammitglieder über ein erweitertes gemeinsames Wissen (Mutual-Knowledge).

    Was bringt das? Unterschiedliche Meinungen und Aspekte können herausgearbeitet werden. Das Arbeiten wird breiter, ganz im Sinne einer Horizonterweiterung. Die Vorteile von kollaborativen Lehr- und Lernmethoden sind:

    • Abbildung des Arbeitsalltags
    • Förderung von Konsensstrategien
    • Förderung von demokratischen Aspekten

    Der Nachteil könnte sein, dass die Einzelleistung nicht im Vordergrund steht oder aber dass es vereinzelt zu social loafing kommt (soziale Faulheit). Gruppenmitglieder lassen sich „mitschleifen“ und erbringen keine Einzelleistung.

    Maßnahmen, um dem entgegen zu wirken, könnten sein:

    • Forderung durch den Lehrenden zu Einzelaktivitäten
    • Abwechselnde Rollen im Team einnehmen
    • Präsentationen der Endergebnisse offline
    • Peer Review durch die anderen Gruppen ermöglichen
    • Gruppendiskussionen zum Abschluss initiieren

    Fazit

    Wer in der kurzen Zeit einer Lehrveranstaltung die Gewinnmaximierung (Mutual-Knowledge) dahingehend nutzen möchte, dass die Studierenden aktiviert werden in der Gruppe ihr Bestes zu geben, inhaltlich und sozial davon zu profitieren, der sollte Kollaborationsaspekte in der Lehr- und Lernform integrieren. Der Mehrwert für die Studierenden liegt in der Vorbereitung auf durchaus gängige berufliche Arbeitsformen und deren Förderung. Ich denke, Eliud und die Ameisen haben Recht: It takes a Team!

    Quellen:

    Straub, 2001. In: Schwabe, Gerhard (2001). Grundlagen des kollaborativen Lernens mit neuen Medien .

    Weiterführende Links:

    It takes a Team https://www.youtube.com/watch?v=-keG05Bucho [Abruf am 27.02.2020]
    https://www.zora.uzh.ch/id/eprint/57254/1/20120125164918_merlin-id_3149.pdf (Grundlagen des kollaborativen Lernens mit neuen Medien. https://pflege-professionell.at/was-wir-von-ameisen-und-amoeben-ueber-koordination-und-zusammenarbeit-lernen-koennen

  • Studieren ohne Grenzen

    Studieren ohne Grenzen

    Studieren in einer anderen Sprache? Heutzutage ist es nichts Besonderes. Viele studieren auf Englisch entweder in Österreich oder im Ausland.

    Viele können sehr gut Deutsch, möchten sich weiterentwickeln.

    Viele Leute, die in Österreich wohnen, haben Deutsch nicht als Muttersprache. Sie haben eine neue Heimat aus unterschiedlichen Gründen ausgesucht: Krieg, sie sollten mit den Eltern/Kindern mitkommen, finanzielle Probleme oder einfach, weil es hier so schön ist! Viele von diesen Menschen können sehr gut Deutsch, möchten sich weiterentwickeln, nicht mehr nur in der Sprache, sondern auch fachlich. Wenn sie an einer Uni oder FH in Österreich studieren möchten, haben sie zwei Möglichkeiten: Sie suchen eine Weiterbildungsmöglichkeit in Englisch aus (wenn sie die englische Sprache so gut beherrschen), oder sie versuchen es auf Deutsch.

    Wie schwierig ist es aber, mit guten Sprachkenntnissen Frontalunterricht, viele Vorlesungen zu haben, verbindlich anwesend zu sein, vor den anderen zu reden….?

    Die komplizierten Sätze entknoten

    Oft ist es sehr anstrengend, den ganzen Tag eine andere Sprache zu hören, und es kommen noch die unterschiedlichen Fachwörter dazu. Zuhause muss man noch die Studienhefte, Fachbücher durchlesen – nicht nur lesen, sondern auch verstehen. Oft bis zum nächsten Tag. Ist es möglich? Ja, sicher. Aber einfach ist es nicht. Man möchte sich ein bisschen Zeit nehmen, nicht für den nächsten Tag alles erledigen, weil man wahrscheinlich länger braucht als die anderen. Im Wörterbuch dauernd nachschauen, die komplizierten Sätze entknoten.

    Wie wäre es, wenn man es sich selbst einteilen könnte?

    Wie wäre es, wenn man selbst einteilen könnte, wann man bei einer Vorlesung teilnehmen möchte, könnte den Frontalunterricht pausieren, um im Wörterbuch etwas nachzuschauen, oder die Vorlesung noch einmal anhören?

    Zu schön? Ja. Aber es ist möglich. Man kann bei uns an der FernFH die sprachlichen Schwierigkeiten überwinden. Natürlich ist es eine sehr harte Arbeit, aber man kann sich in seinem Rhythmus weiterentwickeln.

  • Drei Mythen zu E-Learning an Hochschulen

    Drei Mythen zu E-Learning an Hochschulen

    Wir an der FernFH beschäftigen uns bereits seit über zehn Jahren mit E-Learning im Hochschulbereich. Wenn wir auf Konferenzen mit Menschen mit weniger E-Learning-Erfahrung zusammentreffen, dann begegnen uns immer gleiche Mythen zum E-Learning. Auch in den vergangenen Wochen der Corona-Krise, als alle Bildungsinstitutionen innerhalb kürzester Zeit auf Distance Learning umstellen mussten, tauchten diese Mythen auf.

    Mythos 1: Die Videovorlesung

    Die meisten Menschen stellen sich unter E-Learning vor, dass die gesamte Vorlesung einfach online abgehalten wird. Entweder der/die Hochschullehrende zeichnet die Vorlesung auf Video für die Studierenden auf, oder die Vorlesung wird in Echtzeit gestreamt. Die Studierenden sitzen dabei vor ihren Endgeräten und können per Chat oder Mikrofon Kommentare abgeben und Fragen stellen.

    Was ist dran?

    Dieses Setting wird an manchen Hochschulen gerne als E-Learning eingesetzt, weil das Lehrkonzept im Vergleich zur Präsenzlehre – Stichwort: Frontalunterricht – kaum geändert werden muss.

    Was ist das Problem?

    Frustration bei Lehrenden, weil sie kein direktes Feedback (Video), bzw. kaum Feedback (Stream) bekommen, da sie Mimik und Gestik nicht lesen können. Es ist nicht oder nur schwer einzuschätzen, ob die Studierenden dem Vortrag folgen können oder auch vielleicht mit anderen Dingen beschäftigt sind. Aber auch die Studierenden sind nicht selten enttäuscht: Bei großen Gruppen geht eine Wortmeldung leicht unter oder ist gar nicht möglich. Nicht zu reden davon, wie schwierig es ist, aufmerksam und konzentriert bei einer 90-Minuten-Online/Video-Vorlesung dran zu bleiben.

    Fazit

    Eine Videoaufzeichnung bzw. ein gestreamter Vortrag allein ist noch keine E-Learning-Lehrveranstaltung. Methodenmix ist ein wichtiger und zentraler Aspekt im E-Learning. Außerdem sind Videovorlesungen für Lehrende und Studierende anstrengend und frustrierend. Für kleine „Happen“ wie Erklärungen, Herleitungen von Formeln, u.ä. sind Videos ein sehr sinnvolles Element im E-Learning. Es sollte aber sparsam und gezielt und in Kombination mit anderen didaktischen Methoden eingesetzt werden.

    Mythos 2: Soziale Interaktion ist online einfach nicht möglich.

    Dieser Mythos hat seinen Ursprung in der „Alt-Form“ des E-Learnings, als Unterlagen, Folien oder Texte auf einer Online-Plattform zur Verfügung gestellt wurden und die Studierenden ihrerseits ihre Ausarbeitungen zur Abgabe online hochluden. Er hängt aber auch mit Mythos 1 – Die Videovorlesung – zusammen.

    Was ist dran?

    Im E-Learning ergibt sich die soziale Interaktion nicht „von selbst“ wie wir es in der Präsenzlehre kennen. Die Hemmschwelle für Studierende sich zu Wort zu melden ist weitaus höher.

    Was ist das Problem?

    Es wird übersehen, dass Diskussionen im virtuellen Raum angeleitet und gut moderiert sein wollen: erstes Kennenlernen, aktives Fragenstellen durch die Lehrenden, die Strukturierung und Zusammenfassung der Diskussion (siehe auch hier in unserem Blog).
    Zudem fehlt auch oft das Wissen über Tools, die die soziale Interaktion online fördern (hier finden sich viele Beispiele für Kommunikationstools und Lehrszenarien).

    Fazit

    Vor allem die Dramaturgie und Moderation einer Lehrveranstaltung ist entscheidend dafür, wie interaktiv diese abläuft. Aber auch Tools wie Wikis, Peer Feedback, Padlets uvm. und der sparsame Einsatz von synchroner Kommunikation (Webkonferenz, Chat) lassen soziale Interaktion im E-Learning gut funktionieren.

    Mythos 3: E-Learning spart Kosten.

    Dieser Mythos hängt ebenfalls stark mit Mythos 1 zusammen und ist besonders unter Hochschulmanager_innen verbreitet. Dahinter steht die Annahme, dass Lehrende beim E-Learning weniger Zeit im Hörsaal verbringen und, dass Infrastrukturkosten eingespart werden.

    Was ist dran?

    Ja, natürlich: Weniger Präsenzlehre spart Raumkosten. Lehrende haben weniger Anreisezeit. Aber das ist es dann auch schon. Demgegenüber stehen Kosten für Hardware, Serverausstattung, Software und vor allem die Zeit der Lehrenden.

    Was ist das Problem?

    Vor lauter Kosten sparen wird nicht gesehen, dass E-Learning zunächst einmal Investitionen erfordert: in die IT-Infrastruktur, aber vor allem in den Support und in die Personalentwicklung der Lehrenden. Auch an der, anlässlich der Corona-Krise überstürzten Umstellung auf E-Learning an vielen Hochschulen hat sich das gezeigt: überlastete Server und IT-Verantwortliche, überforderte Lehrende und frustrierte Studierende.
    Lehrende müssen sowohl technisch als auch didaktisch geschult und begleitet werden. Sie benötigen qualifizierte Unterstützung im E-Learning. Eine Lehrveranstaltung, die überwiegend über E-Learning abgehalten wird, muss vor Beginn sehr detailliert konzipiert und geplant werden, und zwar sowohl die didaktischen Elemente als auch deren technische Umsetzung. Während der Lehrveranstaltung müssen Studierende gerade im E-Learning dicht betreut werden: Fragen beantworten, Diskussionen moderieren, individuelles schriftliches Feedback auf Aufgaben geben. Das ist alles sehr zeitintensiv.

    Fazit

    E-Learning spart in manchen Bereichen Kosten. Ohne Investitionen in Technik, Personal und Personalentwicklung geht es aber auch nicht. Das sind jedoch Investitionen, die sich langfristig sicherlich bezahlt machen: im Kompetenzerwerb, in der Qualität der Lehre und der Zufriedenheit aller Beteiligten.

    Welche Mythen kennen Sie zum E-Learning?

    Diese drei sind die häufigsten Mythen zum E-Learning, denen wir begegnen. Wie ist das bei Ihnen? Welche Mythen kennen Sie zum E-Learning und Distance Learning aus Studierenden- und aus Lehrendensicht? Wir freuen uns auf Ihre Kommentare!

    Quellen

    https://www.e-teaching.org/technik/kommunikation

    https://www.e-teaching.org/technik/kommunikation/synchron

    https://www.e-teaching.org/lehrszenarien/vorlesung/diskussion/e-moderation.pdf

  • Warum (in der Fernlehre) physische Begegnungen wichtig sind

    Warum (in der Fernlehre) physische Begegnungen wichtig sind

    Die Auswirkungen der aktuellen „Corona-Krise“ werden zunehmend in allen (Lebens-) Bereichen sichtbar und spürbar. Kaum eine Frage kann sich dem Kontext der „aktuellen Situation“ entziehen. So auch die Frage, ob dieser seit längerer Zeit fertige Beitrag gerade jetzt veröffentlicht werden sollte?

    Als Antwort reifte in den letzten Wochen ein zunehmend deutlicher werdendes JA heran. Denn die aktuelle Situation zeigt – ähnlich wie dieser Beitrag – auf, was im virtuellen Raum alles möglich ist und wie wichtig physische Begegnungen trotzdem oder gerade deshalb sind.

    Fernlehre & physische Begegnungen, das klingt eigentlich nach einem Widerspruch …

    .. und zum Teil ist es das auch. Fernstudienangebote bieten (berufstätigen) Menschen mit eingeschränkten zeitlichen Ressourcen oder fehlender zeitlicher Flexibilität bzw. Menschen aus Regionen mit eingeschränktem Zugang zu Hochschulbildung die Möglichkeit einer akademischen Ausbildung.
    Als FernFH wollen wir gemäß unseren Werten „individuelle und strukturelle Bildungsbarrieren abbauen“ und ich denke, das gelingt uns auch.

    Aber bauen wir nicht durch unsere Präsenzveranstaltungen, unseren physischen Begegnungen erst recht wieder Barrieren auf? Oft wird in diesem Zusammenhang vom sogenannten Community-Building gesprochen, der sozialen Komponente oder dem „Kitt“, der ein soziales Gefüge, eine Gruppe Studierender, einen Jahrgang zusammenhält.

    Aber braucht es dafür wirklich physische Begegnungen?

    Nein, aber diese Begegnungen beschleunigen den Gruppenfindungsprozess und erleichtern vieles. Eine gemeinsame Anreise, das gemeinsame Ankommen, das sich gemeinsam auf Vorlesungen und Prüfungen einstimmen, gemeinsam im Hörsaal sitzen, eine Gruppe mit allen Sinnen wahrnehmen, das hat der physische dem virtuellen Raum (noch) voraus.
    Wichtiger als man denkt ist dabei auch noch, wo man nicht ist. Man ist nicht im privaten, familiären oder beruflichen Umfeld. Man ist an der Hochschule weitgehend ungestört den Studienkolleg_innen, den Lehrenden, dem Studium „ausgeliefert“.

    Was ist das richtige Maß?

    Wie oft soll oder muss man einander physisch begegnen, was ist das richtige Maß, damit es funktioniert? Ein Mal pro Woche / Monat / Semester? Das hängt von Rahmenbedingungen und Bedürfnissen ab. An der FernFH ist das richtige Maß drei Mal pro Semester oder man könnte auch sagen (weil das weitgehend zutrifft) 2 Mal pro Lehrveranstaltung. Jeweils am Beginn und am Ende, bei der Einführungsvorlesung und der abschließenden Prüfung.

    Die physische Begegnung mit den Lehrenden am Beginn gibt den Studierenden einen ersten Eindruck, mit wem man es zu tun hat, woher die Expertise und die Leidenschaft für das Thema kommt, mit wem man interagieren wird, wer begleiten, prüfen und beurteilen wird.
    Die Lehrenden bekommen durch diese Begegnung mit den Studierenden einen Eindruck von der Dynamik in der Gruppe, der Kommunikationskompetenz, der Vorerfahrung bzw. dem Interesse an den Inhalten.

    Das ist unserer Erfahrung nach für beide Seiten wichtig. Und funktioniert.

  • Statistik Austausch – Hilfe bei der Auswertung von quantitativen Abschlussarbeiten

    Statistik Austausch – Hilfe bei der Auswertung von quantitativen Abschlussarbeiten

    „Liebe Frau Wahl, ich bräuchte bitte Ihre Hilfe bei meiner Auswertung…“

    Unsere Studierenden sind durch die vorangegangenen Statistik-Lehrveranstaltungen (siehe Beitrag Statistik online lehren – is that even possible?) gut auf die Durchführung quantitativer empirischer Arbeiten vorbereitet. Trotzdem scheuen sie oft davor zurück, quantitative empirische Arbeiten zu schreiben, weil sie sich nicht im Klaren darüber sind, dass sie während des Studiums das nötige Handwerkzeug erlernt haben. Das ist in der Fernlehre wahrscheinlich nicht anders als in der Präsenzlehre.

    Online-Unterstützung für quantitative empirische Arbeiten

    In den Studienrichtungen zu Betriebswirtschaft & Wirtschaftspsychologie wird daher eine online-Unterstützung, welche Statistik Austausch heißt, angeboten. Im Mittelpunkt stehen dabei die Unterstützung bei der Fragebogenerstellung, der Hypothesenformulierung, der Auswertung und der Ergebnisdarstellung. Viele Materialien konnten schon von den vorangegangenen Statistik-Lehrveranstaltungen übernommen und systematisch organisiert werden. Zusätzlich wurde ein Leitfaden erstellt, in dem viele Standard-Dinge, die sich bei quantitativen empirischen Arbeiten oft wiederholen, zusammengefasst und auch beispielhaft erklärt werden.

    Forum für Fragen und Austausch

    Des Weiteren gibt es ein Forum in welchem Studierende ihre Fragen stellen und sich auch austauschen können. Wichtig für die Betreuung dieser online-Hilfe ist, dass keine Fragen per Mail beantwortet werden, sondern die Studierenden immer auf das Diskussionsforum im Campus verwiesen werden. Es soll den Studierenden klar werden, dass alle von den Fragen und Antworten profitieren sollen und daher die Kommunikation über den Campus erfolgt.

    Es zeigte sich, dass sich über den langjährigen Austausch im Forum viele Fragen wiederholen beziehungsweise die Fragendichte abnimmt. Das kommt daher, dass die Studierenden im Forum nachlesen und sich dort informieren. Erst bei sehr komplexen Fragen wenden sich die Studierenden an das Forum.

    Nicht in den Betreuungsprozess eingreifen

    Dabei ist wichtig, dass nicht in den eigentlichen Betreuungsprozess eingegriffen wird, sondern dass es sich eher um eine Art Tutorium handelt, an das sich Studierende niederschwellig werden können. Hier nicht in die Betreuung einzugreifen stellt teilweise eine Herausforderung dar, die es immer wieder zu überdenken gibt.

    Die Studierenden fühlen sich gut unterstützt

    Durch die online-Hilfe im Statistik Austausch bei den quantitativen empirischen Abschlussarbeiten fühlen sich die Studierenden gut unterstützt und trauen sich auch eher zu, eine derartige Arbeit zu verfassen. Die Fragen und auch die Rückmeldungen der Studierenden zeigen, dass die online-Statistik-Hilfe gut angenommen wird. Um die Studierenden auch bei ihren qualitativen empirischen Arbeiten zu unterstützen, wurde ein eigener Kurs dafür eingerichtet.

    Aus den Evaluierungen:

    „Superschnelle Rückmeldung, wertschätzender Umgang, angenehme Atmosphäre im Forum; (keine Angst zu fragen)!“

    „Frau Wahl hat mir jederzeit extrem kompetent und rasch weitergeholfen. Sie geht wirklich immer die extra Meile, um die Studierenden zu unterstützen. Ich bin extrem dankbar für die Hilfe!“

    Aghamanoukjan, Anahid/Wahl, Ingrid (2015). Online-Kurse für die Betreuung von qualitativen und quantitativen Forschungsarbeiten. 14. E-Learning Tag 2015, Graz, Österreich, 16. September, 2015.

    Wahl, Ingrid/Aghamanoukjan, Anahid (2015). Der Statistik Austausch. Ein studiengangübergreifender Online-Kurs für die Betreuung von quantitativen Arbeiten. Greifswalder Beiträge zur Hochschullehre, 4(1), 63-72.

  • Ein Geburtstag ohne Geschenk ist auch keine Lösung.

    Ein Geburtstag ohne Geschenk ist auch keine Lösung.

    Kennen Sie das:

    „Meine Studienkollegin hat Geburtstag. Soll ich ihr etwas schenken? JA!“

    Anlässe dieser Art durchziehen unser gesamtes Leben. Sie beginnen im Kindergarten oder bereits früher. Es sind Einladungen, die wir annehmen dürfen oder manchmal auch müssen. Ob wir uns nun darüber freuen oder nicht: Für viele ist oft der erste Gedanke „Was soll ich mitnehmen?“ Unser Alltag ist voll von Situationen dieser Art. Seien es Geburtstage, Jahrestage, Abschlussprüfungen, Hochzeiten oder einfach nur eine Essenseinladung. Mit leeren Händen zu kommen, ist den meisten unangenehm. Haben wir doch schon von Kindesbeinen an gelernt, dass sich das „nicht gehört“.

    Es müssen allerdings nicht immer Einladungen oder Feste sein. Auch kleine Gefälligkeiten im Alltag oder etwa im Studienalltag, lösen in uns einen Drang zur Gegenleistung aus. Wir fühlen uns verpflichtet etwas zurückzugeben. Und das ist gut so, denn schon immer hat eine Hand die andere gewaschen. Was jetzt oberflächlich nach Freunderlwirtschaft klingt hat einen tieferen sozialen Sinn.

    Es geht auch immateriell

    Dieses Phänomen kann auch im Wissensaustausch an einer Hochschule Thema sein. Beispielsweise ist eine der Kommilitoninnen besonders versiert in einer komplexen Materie und hilft. Dadurch stehe ich nun in ihrer Schuld. Oder: Ein Lehrender bemüht und engagiert sich besonders, um den Wissenserwerb seiner Studierenden zu unterstützen. Das Gefühl, den Lehrenden nicht enttäuschen zu wollen und eine gute Arbeit abzugeben, motiviert die Studierenden – im Optimalfall – zu einer besseren Lernleistung. Wo ein Ausgleich möglich ist, wird dieser wahrgenommen.

    Diese Wechselseitigkeit in der Verpflichtung hat Goulder mit der Norm der Reziprozität (1960) definiert.

    „Wie du mir, so ich Dir“

    … könnte man nun salopp formulieren und altbekannt ist diese Verhaltensnorm allemal. Ein Austausch funktioniert in materieller Form beispielsweise als Geschenk oder in immaterieller Form beispielsweise als Dienstleistung.

    Quid pro Quo

    So verhält es sich auch mit der Reziprozität im Lernalltag. Studierende können sich gut unterstützen. Manchen Personen geht eine Aufgabe leicht von der Hand, bei einer anderen fällt ihnen die Lösung schwer. Wir kennen den Lernalltag und dass es da immer jemanden gibt der mal besser und mal schlechter mit einer Aufgabe zurechtkommt und sich so die Unterstützung der Kolleg_innenschaft holt.

    Langfristig profitieren alle

    Gemäß Goulder (1960) können Personen im sozialen Austausch auch darauf vertrauen, dass die erbrachte Leistung auch langfristig zurückbezahlt wird. Und langfristig sollte diese Form des Gebens und Nehmens sich natürlich auch ausgleichen. Interessant dabei ist, dass sich diese Norm der Reziprozität kulturunabhängig etabliert hat.

    Die Norm der Reziprozität legt somit auch den Grundstein für soziale Beziehungen und auch die Stabilität dieser. Bleibt zu hoffen, dass Sie Ihr Studierendennetzwerk und die Geburtstage immer schön im Auge behalten. Ebenso wie eine gewisse Ausgewogenheit im Geben und Nehmen.

    Literaturverweis:

    Gouldner, A. W. (1960). The norm of reciprocity: A preliminary statement. American Sociological Review, 25(2), 161–178.

  • Zu wenig Diskussion in Ihrer Online-Lehrveranstaltung? So schaffen Sie Abhilfe!

    Zu wenig Diskussion in Ihrer Online-Lehrveranstaltung? So schaffen Sie Abhilfe!

    Diskussionen sind wertvoll für das Lernen. Sei es, dass es nur einmal darum geht, zu erfahren, was die anderen von den eigenen Ideen halten oder dass wir durch gegenseitigen Austausch zu neuen Erkenntnissen gelangen und ein erweitertes Verständnis gewinnen. In Online-Kursen ist es aber echt nicht immer ganz einfach, die Kommunikation der Studierenden anzukurbeln. In so manchem Lehrveranstaltungsforum geht es recht schweigsam zu.

    Spielt sich der lustvolle Austausch unserer Studierenden gar anderswo ab?

    Um Kommunikation online auf einen guten Weg zu bringen und Lehrveranstaltungsinhalte in Diskussionen lebendig werden zu lassen, können wir auf wissenschaftliche Evidenz zurückgreifen. Studien, wie die von Deng und Tavares (2013), geben Einblick in Befunde, die Lehrende (aber selbstverständlich auch Studierende) kennen sollten:

    Faktoren, welche eine Wirkung darauf haben, wie und ob sich Studierende an einer Online-Diskussion aktiv beteiligen:

    • Individuelle Faktoren wie das Vorwissen zum Thema, eine positive Einstellung zum Lernen und die intrinsische Motivation wirken positiv. Zeitdruck und Stress, besonders zu beachten bei Berufstätigen, reduzieren Diskussionsbeiträge.
    • Soziale Faktoren wie die Beziehungsqualität, ein wertschätzendes Austauschklima und die Präsenz der Lehrenden, die Aktivität, die Moderation der Lehrenden sind ein Anker für die Beteiligung der Studierenden.
    • Pädagogische Faktoren wie die Art der Aufgaben in der Lehrveranstaltung, deren Anreiz und wie bewertet wird, also auch die Frage ob Beiträge zu Fachdiskussionen freiwillig sind oder die themenrelevanten Diskussionen in die Leistungsbeurteilung einfließen, spielen eine Rolle.
    • Schließlich wirken auch technologische Faktoren, die Online-Lernumgebungen attraktiver machen, wie Farben, Bilder, Texte, Videos oder Likes für Forenbeiträge auf die Diskussionsfreudigkeit ein.

    Soweit zu dem Wissen, das Lehrende nutzen können, um Kommunikation und Interaktion in Online-Räumen zu verstehen. Was aber kann ich konkret tun, wenn es in meiner Lehrveranstaltung lebendig zugehen soll? Ich habe hier meine Favoriten, einige To Do’s aus meiner persönlichen Erfahrung in Online Kursen von bis zu 70 Studierenden zusammengestellt:

    Lebendige Online-Diskussionen erwünscht? Das können Sie tun!

    • Ermöglichen Sie das Ankommen und Kennenlernen: Eine Vorstellungsrunde vielleicht sogar in Form von Videos, Fotos oder Bildern initiieren oder Themenimpulse setzen und persönliche Positionen dazu erfragen. Kein Präsenzseminar, auch keine Projektgruppensitzung, kommt ohne Vorstellungsrunde ohne „Wer bin ich, woher komm ich und was tu ich hier“ aus!
    • Leben Sie wertschätzende und freundliche Umgangsformen vor: Sprechen Sie die Personen mit Namen an, insbesondere wenn Sie Antwortpostings verfassen!
    • Lassen Sie die Leute sichtbar werden, aus der Anonymität hervortreten, ihr Gesicht zeigen! Dulden Sie keine anonymen Profile und schreiben sie die Personen, wenn nötig direkt an. Mit den gängigen Lernmanagementsystemen ist das über die Teilnehmer_innenlisten kaum ein Aufwand. Stellen Sie Fragen, die zum individuellen Antworten einladen. Fördern Sie keine Online-Versteckspiele, in dem Sie die Studierenden ausschließlich in Gruppen arbeiten lassen.
    • Moderieren Sie proaktiv: Wie würden Sie als Moderator_in nach dem Wochenende in einem Präsenz-Seminar den Teilnehmer_innen den Einstieg erleichtern: Zusammenfassen, was schon passiert ist oder einfach mit einem neuen Thema beginnen?
    • Machen Sie klar was Sie erwarten: Form, Länge und auch inhaltliche Aspekte von Diskussionsbeiträgen. Von „Hier ist Platz für Ihren Beitrag!“ bis „Nehmen Sie Stellung zu XY und fassen Sie Ihre Meinung in maximal 300 Wörter!“ ist viel Gestaltungsfreiheit.
    • Schöpfen Sie aus der Vielfalt der verfügbaren Medien: Schaffen Sie Abwechslung durch die Wahl der eigenen Medien und geben Sie auch den Studierenden die Möglichkeiten, mit verschiedenen Medien aktiv zu werden (Videos nutzen, Text schreiben, Kommentare verfassen, Kritik formulieren, die Möglichkeit sich anonym zu beteiligen, …)
    • Hinterfragen Sie Ihr Mindset: Will ich, dass die Studierenden die Inhalte kritisch hinterfragen und etwa auch auf Praxistauglichkeit abklopfen, würde ich im Fall einer kritischen Anmerkung auch bereit sein, etwas zu ändern oder will ich vielleicht gar nicht wissen, wie die Lerninhalte bei den Studierenden ankommen?
    • Beziehen Sie Diskussionsbeiträge in die Beurteilung ein: Wenn die kritische Auseinandersetzung zu einem Thema, das Online Engagement oder die Mitarbeit zu den Lernzielen gehören, dann überlegen Sie ruhig, Diskussionsbeiträge auch als Leistungen zu bewerten.

    Zukünftige Akademiker_innen müssen es schaffen, sich in eine größere Diskussion einzubringen, die eigene Stimme zu erheben und eine persönliche Meinung zu sagen und damit einen Beitrag zu einer offenen demokratischen Gesellschaft zu leisten. Dabei sind individuelle Hürden, die in Form von mangelndem Selbstwert daherkommen und andere Hemmungen und Hinderungsgründe, zu überwinden. Überlegen, experimentieren, ausprobieren, reflektieren und argumentieren:

    Wo wäre ein besserer Ort genau das zu tun, wenn nicht an unseren Hochschulen?

    Und da wir uns nachweislich besonders gut emotional und humorvoll verpackte Informationen merken, hier zum Abschluss ein paar witzige aber ernstzunehmende …

    „Todsichere Tipps“,
    die garantiert jegliches „Geschwätz“ in Ihrem Online-Kurs verstummen lassen:

    • Reagieren Sie nicht auf Fragen!
    • Reagieren Sie nicht auf Kritik!
    • Stellen Sie selbst keine Fragen, die Leute dazu verführen könnten, Antworten zu schreiben!
    • Verharren Sie ruhig und gelassen in der Rolle der Beobachter_in!
    • Sehen Sie zu, wie die Unterhaltung in Ihrem Online-Kurs mehr still als gelassen in Ruhe dahinfließt, um dann kurz vor einer möglichen Abschlussprüfung oder vor Abgabe einer Abschlussarbeit nochmal aufzuschrecken. Aber nur, um ein, zwei kurze Fragen zu klären: „Was von den Lehrmaterialien ist denn nun wirklich prüfungsrelevant?“ und „Könnte man da nicht auch noch den Prüfungsstoff etwas einschränken?“. Aber wie Sie solche Fragen auf jeden Fall vermeiden können, das ist schon wieder eine nächste Geschichte …

    Literatur:

    Deng, Liping & Tavares, Nicole J. (2013). From Moodle to Facebook: Exploring students‘ motivation and experiences in online communities. Computers & Education, 68(1), 167-176.

    Lujan, Heidi L., & DiCarlo, Stephen E. (2016). Humor promotes learning. Adv Physiol Educ, 40(4), 433-434.

  • Ein Rezept für Aufnahmeverfahren im Fernstudium

    Ein Rezept für Aufnahmeverfahren im Fernstudium

    Zeitaufwand für die Erstellung:      🧭🧭🧭🧭🧭 (Monate)

    Schwierigkeitsgrad der Erstellung: ⭐⭐⭐⭐⭐

    Serviervorschlag:                            online oder paper-pencil

    Was soll überhaupt gekocht werden?

    Bald beginnt an den verschiedenen Hochschulen wieder die Zeit der Aufnahmeprüfungen. Für die Bewerber_innen sind diese Tests oft lästig und sie können nur schwer nachvollziehen, wozu diese überhaupt gut sein sollen. Daher nutze ich diesen Blogbeitrag, um ein paar Dinge in Bezug auf das Aufnahmeverfahren am Studiengang Betriebswirtschaft & Wirtschaftspsychologie Bachelor zu erklären.

    Im österreichischen Fachhochschulgesetz ist verankert, dass Studiengänge, die mehr Bewerber_innen als Studienplätze haben, ein Aufnahmeverfahren durchführen müssen. Diese sollen zumindest aus einem Aufnahmegespräch bestehen, umfassen jedoch an vielen Fachhochschulen auch Intelligenztests, Leistungstests und auch andere Tests. Diese Aufnahmeverfahren messen meiner Meinung nach nicht die für ein Fernstudium nötigen Fähigkeiten und werden von den Bewerber_innen daher auch wenig akzeptiert.

    Zutaten für ein Fernstudium

    Bewerber_innen, die ein Fernstudium wählen, sollten nämlich zusätzlich zu ausreichenden kognitiven Fähigkeiten auch eine erhöhte Selbstorganisation und Selbstmotivation mitbringen. Daher wurde am Fernstudiengang Betriebswirtschaft & Wirtschaftspsychologie Bachelor von Anfang an, neben Intelligenztests, objektiven Leistungsmotivationstests, Englischtests und Aufnahmegesprächen auch ein inhaltlicher Wissenstest vorgegeben.

    Der Wissenstest ist wie eine Prüfung aufgebaut und den Bewerber_innen werden vorab Materialien zur Verfügung gestellt, mit denen sie sich vorbereiten können.

    Nur der Wissenstest konnte den weiteren Studienerfolg vorhersagen.

    Christa Walenta und ich haben dieses Aufnahmeverfahren evaluiert und es zeigte sich, dass nur der Wissenstest den weiteren Studienerfolg vorhersagen konnte (Wahl & Walenta, 2017). Das heißt, je besser die Bewerber_innen beim Wissenstest abgeschnitten haben, desto besser waren auch ihre Noten im ersten Studienjahr.

    Dies kann darauf zurückgeführt werden, dass der Wissenstest als eine Art Arbeitsprobe verstanden werden kann, bei dem die Bewerber_innen schon ihre zukünftige Studiensituation simulieren können. Sie können so bereits ausprobieren, wie sie später im Studium Arbeit und Privatleben unter einen Hut bringen werden. Der Wissenstest erhebt also schon die notwendige Selbstorganisation und Selbstmotivation für das Fernstudium indirekt mit. Außerdem können die Bewerber_innen durch den Wissenstest schon feststellen, ob sie die Inhalte des Studiums überhaupt interessant finden.

    Zubereitung des Aufnahmeverfahrens

    Nachdem die anderen Teile des Aufnahmeverfahrens nicht aussagekräftig für den Studienerfolg waren, wurde das Aufnahmeverfahren von Grund auf überarbeitet und auch für die anderen Bachelorstudiengänge nutzbar gemacht. Im ersten Schritt haben wir uns überlegt, welche Kompetenzen Studierende in einem Fernstudium mitbringen müssen, um erfolgreich studieren zu können.

    Welche Kompetenzen sollten Fernstudierende mitbringen?

    Ausgehend davon wurden Tests zur Messung von Textverständnis, numerischem Verständnis und praktischen Kenntnissen in Bezug auf den Computer entwickelt. Diese werden im Studiengang Betriebswirtschaft & Wirtschaftspsychologie Bachelor zusätzlich zum Wissenstest, einem Englischtest und einem Aufnahmegespräch vorgegeben.

    Auch wenn der Englischtest und das Aufnahmegespräch keine Aussagekraft hinsichtlich des Studienerfolges haben, werden diese Elemente dennoch angewandt. Den Studierenden sollte durch den Englischtest die Wichtigkeit der Sprachkenntnisse vermittelt werden.

    Der persönliche Kontakt im Aufnahmegespräch

    Das Aufnahmegespräch dient unter anderem dafür, einen persönlichen Kontakt zu den Mitarbeiter_innen des Studiengangs herzustellen und die Bewerber_innen über den Fernstudienalltag zu informieren. Im Rahmen des Gesprächs werden auch Rückmeldungen zu den Testergebnissen gegeben, so dass sich die Bewerber_innen hinsichtlich ihrer studienrelevanten Stärken und Schwächen bewusst werden. So können sie im Herbst optimal vorbereitet ihr Fernstudium beginnen.

    Nährwerthinweise

    Ein Vorteil dieses Aufnahmeverfahrens ist, dass die Bewerber_innen den Zusammenhang zwischen den Anforderungen des Aufnahmeverfahrens und den Anforderungen im Studium direkt herstellen können. Daher wird das überarbeitete Verfahren von den Bewerber_innen auch besser bewertet als die ursprünglichen Intelligenz- und Motivationstests.

    Ich finde es wichtig, dass Aufnahmeverfahren nicht nur den Vorgaben des Gesetzes entsprechen, sondern dass diese auch wirklich die für das angestrebte Studium notwendigen Kompetenzen erheben.

    In diesem Sinne wünsche ich allen unseren Bewerber_innen viel Erfolg!